Ideologie

Ideologie (französisch idéologie; zu griechisch ἰδέα idéa „Idee“ und λόγος lógos „Lehre“, „Wissenschaft“ – eigentlich „Ideenlehre“)[1] steht im weiteren Sinne bildungssprachlich für Weltanschauung. Im engeren Sinne wird damit zum einen auf Karl Marx zurückgehend das „falsche Bewusstsein“ einer Gesellschaft bezeichnet, zum anderen wird in der amerikanischen Wissenssoziologie jedes System von Normen als Ideologie bezeichnet, das Gruppen zur Rechtfertigung und Bewertung eigener und fremder Handlungen verwenden.[2] Seit Marx und Engels bezieht sich der Ideologiebegriff auf „Ideen und Weltbilder, die sich nicht an Evidenz und guten Argumenten orientieren, sondern die darauf abzielen, Machtverhältnisse zu stabilisieren oder zu ändern“.[3]

Der Ideologiebegriff nach Marx, der im westlichen Marxismus eine zentrale Rolle spielt, geht davon aus, dass das herrschende Selbstbild vom objektiv möglichen Selbstbild der jeweiligen gesellschaftlichen Entwicklungsstufe verschieden ist. Da die materiellen Verhältnisse und Interessen das Denken bestimmen, wird nach Marx die Ideologie der Gesellschaft durch die Interessen dominanter gesellschaftlicher Gruppen, z. B. der Bourgeoisie, beeinflusst, um diese zu rechtfertigen. Durch eine Ideologiekritik kann diesen Interessen entgegengewirkt werden, um im Sinne eines allgemeinen Interesses ein nach dem Stand der Erkenntlichkeit korrektes und vollständiges Bild der Gesellschaft zu entwerfen. Eine wichtige Weiterentwicklung erfährt die Theorie der Ideologie bei Georg Lukács, der sie mit einer Theorie des Totalitarismus verknüpft: Die vollständige Vereinnahmung des Individuums durch gesellschaftlich organisierte Aktivitäten und Strukturen führt dazu, dass sich das Individuum nur innerhalb dieser Strukturen verstehen kann und somit selbst eine passende Ideologie entwickelt.[4]

In der Wissenssoziologie hat sich Ideologie hingegen als Bezeichnung für ausformulierte Leitbilder sozialer Gruppen oder Organisationen durchgesetzt, die zur Begründung und Rechtfertigung ihres Handelns dienen – ihre Ideen, Erkenntnisse, Kategorien und Wertvorstellungen. Sie bilden demnach das notwendige „Wir-Gefühl“, das den inneren Zusammenhalt jeder menschlichen Gemeinschaft gewährleistet.[5] Dieser Ideologie-Begriff wird auch auf die Ideensysteme von politischen Bewegungen, Interessengruppen, Parteien etc. angewandt, wenn von politischen Ideologien die Rede ist.

Im gesellschaftlichen Diskurs werden die beiden Ideologiebegriffe oft nicht hinreichend voneinander unterschieden.

Ideengeschichte

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts prägte Antoine Louis Claude Destutt de Tracy den französischen Begriff idéologie als Bezeichnung für das Projekt einer „einheitlichen Wissenschaft der Vorstellungen oder Wahrnehmungen“ (science qui traite des idées ou perceptions), das sich auf die Erkenntnistheorie von Condillac berief. Die Idéologistes setzten zur Vorbeugung gegen eine neue Schreckensherrschaft ein pädagogisches Programm der Breitenaufklärung ins Werk.[6] Durch eine publizistische Kampagne von Napoleon Bonaparte wurde diese Schule jedoch als wirklichkeitsfremdes, spekulatives Systemgebäude angegriffen;[7] aus dieser Tradition leitet sich der Begriff der Ideologie als kohärentes Weltbild auf der Basis unzutreffender Prämissen ab. Erst durch Marx und Engels wurde dieser Begriff dann herrschaftskritisch angewandt. Zuvor war der Ausdruck Ideologen im deutschen Sprachraum für eine Orientierung an Ideen (anstatt der Realität), etwa der der Freiheit oder einer republikanischen Verfassung reserviert gewesen.[8]

Der Begriff der Ideologie ist, bis zum Versuch einer funktionalen Beschreibung in der Wissenssoziologie, immer eng mit dem Gedanken Ideologiekritik verbunden. Neben den hier genannten Positionen sind zu den Ideologiebegriffen u. a. einschlägig: Ferdinand Tönnies, Hans Barth, Ernst Topitsch, Hans Albert, Bertrand Russell, Louis Althusser, Theodor W. Adorno, Hannah Arendt und Jürgen Habermas.

Vorläufer des modernen Ideologiebegriffes ist die Idolenlehre von Francis Bacon.[9] Schon hier ist die Idee einer Aufdeckung von falschen Vorstellungen entscheidend: Die Reinigung des Denkens von Idolen (Trugbildern) ist für ihn die Voraussetzung von Wissenschaft. Quellen dieser Trugbilder können Tradition, Sprache, Herkunft und Sozialisation sein.

Eine besondere Rolle spielte die Ideologiekritik in der Aufklärung. Zentrales Ziel der Aufklärung war die Befreiung des Bewusstseins der Menschen von Aberglauben, Irrtümern und Vorurteilen, die nach dieser Sichtweise den mittelalterlichen Machthabern zur Legitimation ihrer Herrschaft dienten. Die französischen Materialisten, u. a. Paul Heinrich Dietrich von Holbach und Claude Adrien Helvétius, kritisierten insbesondere die katholische Kirche und bezeichneten deren – ihrer Meinung nach im Interesse der Machterhaltung verbreiteten – Behauptungen als Priesterbetrug. Die Aufklärung verlangte die politische Durchsetzung von Vernunft, Wissenschaft, Demokratie und Menschenrechten.

Die Vorstellung des Aufrechterhaltens von für das Individuum oder die Gesellschaft zuträglichen Irrtümern über Selbst und Welt findet sich auch bei Arthur Schopenhauer, Max Stirner, Friedrich Nietzsche, Vilfredo Pareto (dieser als „Derivation“).

Marxistische Philosophie

Marx and Engels
Marx und Engels prägten den Ideologiebegriff entscheidend

Nach dem sozialistischen Utopisten Saint Simon griffen Mitte des 19. Jahrhunderts Marx und Engels den seit Napoleon stigmatisierten Begriff wieder auf. Ideologie wird hier nicht als bewusste Verführung, sondern als ein sich aus den gesellschaftlichen Verhältnissen ergebender objektiv notwendiger Schein konzipiert: Aus dem Klassencharakter der gesellschaftlichen Verhältnisse ergibt sich nach Marx die Tendenz, dass die Gedanken der herrschenden Klasse, die mit den bestehenden Produktionsverhältnissen im Einklang stehen, auch die herrschenden Gedanken in der Gesellschaft sind. In seinem Hauptwerk, Das Kapital, bestimmt Marx den Waren- und Geldfetisch als bestimmende Verkehrungsmomente in der kapitalistischen Produktion. Die Menschen nehmen ihre (arbeitsteiligen) Beziehungen zueinander als Beziehungen zwischen Waren wahr.

Im 20. Jahrhundert wurden von westlichen Marxisten ideologische Momente der Verdinglichung diskutiert, so zum Beispiel von Ernst Bloch (Geist der Utopie, 1918) oder Georg Lukács (Geschichte und Klassenbewußtsein, 1923), für dessen Verdinglichungsanalyse die Idee einer ideologischen Verblendung zentral war. Demnach sei Ideologie „notwendig falsches Bewusstsein“. Die Bilder von der Wirklichkeit, die das Subjekt sich schafft, sind von subjektiven Faktoren beeinflusst oder bestimmt. Daher sind sie nicht objektiv, sondern verfälschen die Wirklichkeit.

Antonio Gramsci entwickelt in den Gefängnisheften einen Ideologiebegriff, der Ideologie als „gelebte, habituelle gesellschaftliche Praxis“ versteht.[10] Ideologie ist bei ihm nicht mehr zu reduzieren auf die Ebene des Bewusstseins, sondern umfasst auch Handlungen der Menschen.

Nach Louis Althusser vermitteln Ideologien dem Individuum Bewusstsein und üben über das Individuum Macht aus, z. B. in Verbindung mit sogenannten ideologischen Staatsapparaten. Zudem ermöglichen Ideologien es den Individuen, sich in der Gesellschaft als Subjekte wiederzuerkennen. Ideologie ist nach Althusser nicht nur Manipulation, sondern konstituiert Subjekte – sie verstünden sich trotz bzw. wegen ihrer Unterwerfungen als frei. Ein wichtiger Gedanke von Althusser ist, dass Ideologien unbewusst sind.[11] Ein zentrales Werk für Althussers Ideologietheorie ist sein Essay Ideologie und ideologische Staatsapparate aus dem Jahre 1970.

Frankfurter Schule

Max Horkheimer und Theodor W. Adorno, die Begründer der Frankfurter Schule, übernahmen und erweiterten das Konzept der Marx’schen Ideologiekritik (Kapitel Kulturindustrie in der Dialektik der Aufklärung, 1947). Anknüpfend an Georg Lukács’ Verdinglichungsthese sahen sie in Warenfetisch und kapitalistischem Tauschprinzip die Quellen des gesellschaftlich erzeugten Verblendungszusammenhangs. Ideologie ist für sie objektiv notwendiges und zugleich falsches Bewusstsein, in dem sich Wahres und Unwahres verschränke, da Ideologie auf die Idee der Gerechtigkeit als apologetische Notwendigkeit nicht verzichten könne. So verdecke das Grundmodell bürgerlicher Ideologie, der „gerechte Tausch“, dass im kapitalistischen Lohnarbeitsverhältnis nur scheinbar Vergleichbares getauscht werde.[12] In der Kulturindustrie nehme die Ideologie die Form des „Massenbetrugs“ an. Ein Veralten der Ideologie konstatierten die Frankfurter Ideologiekritiker für die Phase des postliberalen Spätkapitalismus und des Faschismus. Im Spätkapitalismus würden die faktischen Verhältnisse zu ihrer eigenen Ideologie,[13] das heißt die Realität rechtfertigt sich durch ihr So-und-nicht-anders-Sein.[14] Da der Faschismus in seinen Proklamationen auf jeden Wahrheitsanspruch verzichte, an dem Ideologie entlarvt werden könnte, triumphiere in seinem Herrschaftsbereich der blanke Zynismus des Machtstaates.

Ideologiekritik ist nach Adorno bestimmte Negation im Hegelschen Sinn, „Konfrontation von Geistigem mit seiner Verwirklichung und hat zur Voraussetzung die Unterscheidung des Wahren und Unwahren im Urteil wie den Anspruch auf Wahrheit im Kritisierten“[15]

Kritischer Rationalismus

In seinem Werk Die offene Gesellschaft und ihre Feinde kritisiert Karl R. Popper den totalitären Charakter bestimmter Ideologien, insbesondere des Nationalsozialismus und des Stalinismus.

Totalitäre politische Ideologien mit umfassendem Wahrheitsanspruch weisen oftmals Elemente von Mythenbildung, Geschichtsklitterung, Wahrheitsverleugnung und Diskriminierung konkurrierender Vorstellungen auf. Nach den Erfahrungen mit dem Nationalsozialismus und dem Zusammenbruch des real existierenden Sozialismus ist die Skepsis gegenüber umfassenden und mit Heilsversprechungen durchsetzten Theoriengebäuden gewachsen, insbesondere wenn sie mit Handlungsaufforderungen oder mit der Unterdrückung abweichender Ideen verbunden sind. Ideologiekritik im Sinne von Karl Popper umfasst dabei insbesondere die Analyse folgender Punkte:

Ideologientypologie nach Kurt Lenk

Der Politikwissenschaftler Kurt Lenk schlug in seinem Aufsatz Zum Strukturwandel politischer Ideologien im 19. und 20. Jahrhundert, den er in seinem Buch Rechts, wo die Mitte ist veröffentlichte, eine Klassifizierung der Ideologien vor. Er unterschied zwischen Rechtfertigungsideologien, Komplementärideologien, Verschleierungsideologien und Ausdrucksideologien.

Unter Rechtfertigungsideologien verstand Lenk modellbildende Ideologien, die sich auf die gesamten gesellschaftlichen Beziehungen erstrecken. Das zu Grunde liegende Modell ist meist eine auf Rationalität und Wissenschaftlichkeit pochende Deutung der Realität. Ideologisch sei ein solches Modell, weil es bestrebt ist, seinerseits ein verbindliches Verständnis von Realität – nicht selten unter dem Anspruch der unangreifbaren Anwendung rationaler Argumente und Argumentationsstrukturen – als einzig „vernünftigerweise“ vertretbares zu etablieren.

Lenk beschrieb demgegenüber Komplementärideologien als „für jene Gesellschaften lebensnotwendig, in denen der Mehrheit der Menschen ein relativ hohes Maß an Triebverzicht abverlangt werden muss, damit die Reproduktion der Gesellschaften gewährleistet ist.“ Komplementärideologien würden die benachteiligten Gesellschaftsmitglieder vertrösten. Zum einen beinhalte diese Ideologie eine die Realität verleugnende Verheißung auf einen objektiv unmöglichen besseren Zustand. Diese trostspendende Zukunftserwartung soll die eigenständige Interessendurchsetzung der benachteiligten Gesellschaftsmitglieder lähmen und sie zur Gefolgschaft mit ihren Bedrückern verpflichten. Komplementärideologien arbeiten auch mit dem Bezug zur „Ehrlichkeit“, wonach der Zustand der Welt Schicksal sei und menschliches Tun daran nichts ändern könne.

Verschleierungs- oder Ablenkungsideologien seien nach Lenk die Erzeugung von Feindbildern, um einer Diskussion über die objektiven Gründe gesellschaftlicher Probleme aus dem Weg zu gehen. Eng angelehnt an diesen Aspekt verwendete er den Begriff Ausdrucksideologie. Darunter verstand er eine Ideologie, die bei den seelisch tieferen Schichten der Menschen ansetze. Es werde ein Freund-Feind-Bild inszeniert und Behauptungen aufgestellt, an die die Massen fanatisch glauben sollen.

Ideologie und Gesellschaft

Ideologie der Gegenwart

Die Gegenwart wird häufig als „nach-“ oder „postideologisches Zeitalter“ bezeichnet, in dem die Subjekte der Gesellschaft vorwiegend realistisch und pragmatisch – also frei von Ideologien – agieren würden.[17] Der französische Philosoph Jean-François Lyotard begründet dies mit dem heutigen Wissen über die Unmöglichkeit der Letztbegründung. Die Vielfalt der gesellschaftlichen Kräfte (der Pluralismus) postmoderner, liberal demokratischer Gesellschaften, die sich permanent gegenseitig kontrollieren, verhindert nach dieser populären Auffassung die Bildung von Ideologien. Verfechter dieser Idee verweisen gern auf das Scheitern der großen ideologisch begründeten Systeme in der jüngeren Geschichte (Nationalsozialismus, Kommunismus). Auf diese Weise wird der Begriff Ideologie allein auf die abwertende Konnotation beschränkt und die damit assoziierten negativen Bilder legen den Schluss einer ideologiefreien Gegenwart nahe, die solche Entwicklungen überwunden hat. Durch die Transparenz der Politik, die angeblich keinen Fehler unerkannt lässt und umgehend korrigiert, versprechen die Beteiligten „Wahrheit und Ehrlichkeit“: Begriffe, die in einer Ideologie keinen Platz haben.[18]

Mit dieser modernen „Anti-Ideologie“ werden alle gegenwärtigen gesellschaftlichen Entwicklungen (Technologischer Fortschritt, demokratische Systeme, kapitalistische Gesellschaftsordnung, stetig zunehmendes Wirtschaftswachstum u. a.) als „wahr und ehrlich“ legitimiert. Die Philosophen Slavoj Žižek und Herbert Schnädelbach weisen jedoch darauf hin, dass solch technokratisches Denken alles andere als nicht-ideologisch sei: Eine der idealen Grundbedingungen für eine Ideologie sei die Annahme, dass es keine Ideologie gäbe.

Žižek sieht darin gar eine weitaus gefährlichere Ideologie als in den Diktaturen: Despoten legitimieren Enteignung, Vertreibung, Gewalt usw. im Bewusstsein ihrer Machtfülle mit offensichtlichen Unwahrheiten. Demgegenüber ist im modernen Pluralismus ein Konsens der gesamten Gesellschaft notwendig: Tatsächlich ideologische Begründungen würden im alltäglichen Diskurs als unumstößliche Wahrheiten akzeptiert und bestimmten somit ohne offensichtlichen Zwang durch die Politik den sozialen Prozess. Je mehr sich die Bürger mit dieser versteckten Ideologie identifizierten, desto weniger brauche der Staat einzugreifen. Vordenker der Kritik dieser „diskursiven, alles durchdringenden, sich sozial organisierenden Ideologie der Gegenwart“ sind vor allem Ernesto Laclau und Chantal Mouffe.[18][20]

Ideologie in der Wissenschaft

Die Abgrenzung von der Ideologie wurde im Zuge der Aufklärung zu einem Bestandteil der Wissenschaften, die sich im Gegensatz zu Ideologie und Glaube darum bemühen, wertfrei, neutral und intersubjektiv vorzugehen und die Gültigkeit ihrer Theorien und Hypothesen anhand empirischer Erfahrungstatsachen zu überprüfen (Wissenschaftstheorie, Empirisch-analytischer Ansatz).

Wissenschaftliche Denkmuster, Paradigmen bzw. Ideenschulen können auch einen ideologischen und abwehrenden Charakter entwickeln und damit wissenschaftlichen Fortschritt hemmen. Thomas Kuhn analysierte in seinem Buch Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen wissenschaftliche Paradigmen auch unter dem Aspekt als konkurrierende Ideenschulen. Diese legen fest:

  • was beobachtet und überprüft wird
  • die Art der Fragestellungen in Bezug auf ein Thema
  • die Interpretationsrichtung von Ergebnissen der wissenschaftlichen Untersuchung

Von einzelnen Wissenschaftstheoretikern (u. a. Bruno Latour) wird die Entgegensetzung von Ideologie und objektiver Wissenschaft als Machtmechanismus und Verschleierungstechnik betrachtet. Diese Position wird von Kritikern allerdings wiederum als zur totalen Irrationalität führend heftig kritisiert (Sokal-Affäre).

Auch wenn Naturwissenschaften ideologiefrei sein können, gilt dies nicht unbedingt für Gesellschaftswissenschaften. So finden sich beispielsweise in der Völkerkunde und den Sozialwissenschaften um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert etliche Beispiele für ideologisch geprägte Vorstellungen. Sehr deutlich wird dies bei den sozialdarwinistischen Schulen, die rassistischen Ideen mit ihren Aufzeichnungen über angeblich „unterentwickelte Naturvölker“ nährten.

Einen Sonderfall stellt nach Hans Albert das Fach Ökonomie dar. Da die Volkswirtschaftslehre sich u. a. mit der Frage beschäftigt, wie die gesellschaftliche Arbeit möglichst optimal organisiert, gesteuert oder beeinflusst werden kann, muss der einzelne Wissenschaftler auch einen Standpunkt zur Frage haben, was gut für die Gesellschaft ist. Das ist, bedingt durch unterschiedliche Partialinteressen, zwangsläufig immer eine ideologische Position.[21]

Ideologie und Politik

Politik ist immer mit Ideologie verbunden, eine unideologische, rein technokratische Politik ist realitätsfremd. Politische Programme basieren auf bestimmten Wertesystemen.[22] Die grundlegenden politischen Ideologien sind Liberalismus (Betonung der Freiheit auf Grundlage der Marktwirtschaft), Sozialismus (Betonung der Gleichheit) und Konservatismus (Betonung von gesellschaftlichen Traditionen).

Der Vorwurf einer durch Ideologie bestimmten Argumentation findet sich häufig im politischen Diskurs. Damit wird unterstellt, dass ein Standpunkt deswegen nicht stichhaltig sei, weil er auf einer politischen Ideologie basiere. Der eigene Standpunkt wird demgegenüber implizit oder explizit so dargestellt, dass er auf einer nüchternen Analyse der Wahrheit, dem gesunden Menschenverstand oder auf einer nicht in Frage zu stellende Ethik beruhen würde. Dies könnte indes die jeweilige Gegenseite in vielen Fällen mit dem gleichen Recht für sich in Anspruch nehmen. Unausgesprochene Ideologeme (einzelne Elemente einer Ideologie) beherrschen oft die politische Debatte, ohne dass dies in der Diskussion immer bewusst wird.

Ideologie und Religion

Als analytische Kategorie findet neben dem Begriff der politischen Ideologie ebenso der Begriff der religiösen Ideologie Anwendung in der Wissenschaft. Eine religiöse Ideologie ist eine Ideologie mit transzendentem Bezug, die das Konzept einer Gesamtexistenz von Person und Gesellschaft umfasst und Integrations- sowie Bindungskräfte in bestimmten gesellschaftlichen Gruppen entwickeln kann.[23] Die Entstehung einer religiösen Ideologie kann insbesondere darin begründet sein, dass in Verbindung mit einer oppositionellen politischen Haltung „Konfession“ eine bedeutsame Rolle zu spielen beginnt.[23] Als populäre Beispiele für religiöse Ideologien werden in der Literatur Bezüge zu den Weltreligionen hergestellt[24] und insbesondere der Protestantismus[25] und der Katholizismus[26] als religiöse Ideologien bezeichnet; unabhängig davon, ob die ursprünglichen Motive politisch gewesen sind. Gemeint ist mit einer derartigen Kennzeichnung jeweils nicht eine Religion als Gesamtphänomen, sondern eine bestimmte religiöse und politische Lehre, die eine religiöse Bewegung zur Folge haben kann. In allgemeiner Hinsicht wird der Begriff religiöse Ideologie auch in Zusammenhang mit der Orthodoxie[27] und dem Fundamentalismus gebracht.[28]

Der Politikwissenschaftler Mathias Hildebrandt, der den Begriff politische Ideologie als Fundamentalismus zu fassen versuchte, stellte den traditionalistischen Aspekt von spezifischen religiösen Strömungen innerhalb von Religionen als ein gemeinsames Merkmal heraus. Er schrieb: „Es wird der Anspruch erhoben, zu den ursprünglichen Quellen der eigenen Tradition zurückzukehren und sie von den Verfälschungen ihrer historischen Entwicklung zu befreien, die zumeist als ein Degenerationsprozess begriffen wird.“[29] Einher ginge diese Auffassung mit einer „Essenzialisierung der eigenen Tradition, die den Anspruch erhebt, das wahre Wesen der eigenen Religion freigelegt zu haben“. Das Paradoxe bei den religiösen Ideologien sei allerdings, dass im Gegensatz zum Anspruch, zur wahren Lehre zurückzukehren, „in den meisten Fällen eine moderne religiöse Ideologie“ entstehe.[29]

Neben dem Begriff der religiösen Ideologie hat sich in der Religionspolitologie der Begriff politische Religion durchgesetzt. Der Akzent liegt bei diesem Begriff weder stark auf dem Politischen noch auf dem Religiösen von bestimmten Ideologien. Einerseits wird mit diesem Begriff die enge Verbindung zwischen religiösen und politischen Denkweisen hervorgehoben, andererseits die Verbindung zwischen Ideologien, die sowohl politische als auch religiöse Elemente und politisch-religiöse Bewegungen erfassen.

Die Funktion der Ideologie

Ideologie ist – nach Karl Mannheim – „Funktionalisierung der noologischen Ebene“[30] und somit Instrumentalisierung der menschlichen Erkenntnisfähigkeit oder konkreter noch – nach Roland Barthes – „Verwandlung von Geschichte in Natur.“[31]

Ideologie sichert die eingeforderte Legitimation für die bestehende Ordnung und befriedigt das Bedürfnis nach Sicherheit und Sinnhaftigkeit, die durch die Religion nicht mehr gewährleistet werden können: „Das Behagliche möchte allzu gern das zufällige Sosein des Alltags, wozu heutzutage romantisierte Gehalte (‚Mythen’) gehören, zum Absoluten hypostatieren und stabilisieren, damit es ihm ja nicht entgleitet. So vollzieht sich die unheimliche Wendung der Neuzeit, dass jene Kategorie des Absoluten, die einst das Göttliche einzufangen berufen war, zum Verdeckungsinstrument des Alltags wird, der durchaus bei sich bleiben möchte.“[32]

Andererseits läuft die Ideologie Gefahr, als geschlossenes Sinnsystem einer komplexen Wirklichkeit letztlich nicht gerecht werden zu können und schlussendlich als Welterklärungsmodell zu scheitern. Da „Ideologie immer selbstreferentiell ist, das heißt sich immer durch die Distanznahme zu einem Anderen definiert, den sie als ‚ideologisch’ ablehnt und denunziert“[33] löst sie „den Widerspruch des entfremdeten Wirklichen durch eine Amputation, nicht durch eine Synthese“[34]

Karl Mannheims These von der Funktionalisierung der Erkenntnis durch die Ideologie ergänzt Roland Barthes durch die Funktionalisierung des Mythos, den die Ideologie instrumentalisiert: „Die Semiologie hat uns gelehrt, dass der Mythos beauftragt ist, historische Intention als Natur zu gründen. Dieses Vorgehen ist genau das der bürgerlichen Ideologie. Wenn unsere Gesellschaft objektiv der privilegierte Bereich für mythische Bedeutung ist, so deshalb, weil der Mythos formal das am besten geeignete Instrument der ideologischen Umkehrung ist, durch die sie definiert wird. Auf allen Ebenen der menschlichen Kommunikation bewirkt der Mythos die Verkehrung der Antinatur in Pseudonatur.“[35]

Die Geschichte des Ideologiebegriffs ist eng verknüpft mit der Geschichte der bürgerlichen Gesellschaft. Ideologie nach heutigem Verständnis wird erst möglich nach dem „Verschwinden des göttlichen Bezugspunktes“[36] das sich bereits ankündigt mit dem beginnenden Empirismus in Bacons „Idolae“, die als „Götzenbilder“ und „Täuschungsquellen“ den „Weg zur wahren Einsicht versperren“[37] Kant – der seiner „Kritik der reinen Vernunft“ ein Bacon-Zitat über die Idolae voranstellt – stellt dann das traditionelle Seinsverständnis mit der in den vier Antinomien und auch in der transzendentalen Dialektik ständig wiederkehrenden Mahnung, das Epistemische nicht als Ontologisches misszudeuten, endgültig infrage und schafft somit „nachdem die objektiv ontologische Einheit des Weltbildes zerfallen war“[38] die Basis für Hegels dialektisches Weltbild, das „nur auf das Subjekt bezogen konzipierbar“[39] und nur als „eine im historischen Werden sich transformierende Einheitlichkeit“(ibid.) Gültigkeit beanspruchen konnte. Erst jetzt, nach Beendigung der französischen Revolution, ergibt es einen Sinn, von bürgerlicher Ideologie oder generell von einem Ideologiebegriff zu sprechen, der dann auch sogleich von Napoleon pejorativ auf den eigentlich wertfrei als „Lehre von den Ideen“ von den Spätaufklärern in der Nachfolge Condillacs und der empirischen Tradition aufgebrachten Terminus angewandt wurde. Den wesentlichen Beitrag zum heutigen Ideologieverständnis dürfte schließlich Karl Marx geleistet haben, der im „Elend der Philosophie“ ausführt: „… dieselben Menschen, welche die sozialen Verhältnisse gemäß ihrer materiellen Produktionsweise gestalten, gestalten auch die Prinzipien, die Ideen, die Kategorien gemäß ihren gesellschaftlichen Verhältnissen“.[40]

Auch wenn Mannheim zunächst versucht, zwischen wertfreien und wertenden Ideologien zu unterscheiden, kommt er doch zu dem Fazit, dass der wertfreie Ideologiebegriff „letzten Endes in eine ontologisch-metaphysische Wertung“ „hinübergleitet“[41] In diesem Zusammenhang spricht Mannheim dann auch vom „falschen Bewußtsein“, das die Ideologie zwangsläufig schafft: „Es sind also in erster Linie überholte und überlebte Normen und Denkformen, aber auch Weltauslegungsarten, die in diese ‚ideologische’ Funktion geraten können und vollzogenes Handeln, vorliegendes inneres und äußeres Sein nicht klären, sondern vielmehr verdecken.“[42]

Die derart resultierende verkürzte Sicht auf die Realität beklagt Roland Barthes denn auch als „Verarmung des Bewußtseins“[43] die durch die Ideologie als bürgerliche geleistet wird: „Es ist die bürgerliche Ideologie selbst, die Bewegung, durch die die Bourgeoisie die Realität der Welt in ein Bild der Welt, die Geschichte in Natur verwandelt.“[44]

Siehe auch

Literatur

  • Theodor W. Adorno: Beitrag zur Ideologienlehre. 1954, In: Soziologische Schriften I. Suhrkamp Taschenbuch Verlag, 1995, ISBN 3-518-27906-8.
  • Louis Althusser: Ideologie und ideologische Staatsapparate. 1977, ISBN 3-87975-109-9.
  • Hansjörg Bay, Christof Hamann (Hrsg.): Ideologie nach ihrem ‚Ende‘: Gesellschaftskritik zwischen Marxismus und Postmoderne. Westdeutscher Verlag, 1995, ISBN 3-322-94214-7.
  • Manuel Becker: Ideologiegeleitete Diktaturen in Deutschland. Zu den weltanschaulichen Grundlagen im Dritten Reich und in der DDR. Bouvier, Bonn 2009, ISBN 978-3-416-03272-8.
  • Terry Eagleton: Ideologie. Eine Einführung. Stuttgart 2000, ISBN 3-476-01783-4.
  • Jürgen Habermas: Wissenschaft und Technik als Ideologie. 18. Auflage. 2003, ISBN 3-518-10287-7.
  • Stuart Hall: Ideologie, Identität, Repräsentation. Hamburg 2004, ISBN 3-88619-326-8.
  • Gerhard Hauck: Einführung in die Ideologiekritik. ISBN 3-88619-209-1.
  • Max Horkheimer: Ideologie und Handeln. In: Kritische Theorie der Gesellschaft. Band IV.
  • Hans Kelsen: Aufsätze zur Ideologiekritik. (mit einer Einl. hrsg. von Ernst Topitsch). Neuwied 1964.
  • Leo Kofler: Soziologie des Ideologischen. 1975, ISBN 3-17-001958-9.
  • Jorge A. Larrain: The Concept of Ideology (Modern Revivals in Philosophy). 1992, ISBN 0-7512-0049-2.
  • Kurt Lenk (Hrsg.): Ideologie – Ideologiekritik und Wissenschaftssoziologie. ISBN 3-593-33428-3.
  • Hans-Joachim Lieber: Ideologie: eine historisch-systematische Einführung. Verlag F. Schöningh, 1985, ISBN 3-506-99232-5.
  • Herbert Marcuse: Der eindimensionale Mensch. Studien zur Ideologie der fortgeschrittenen Industriegesellschaft. dtv, München 2004, ISBN 3-423-34084-3.
  • Karl Mannheim: Ideologie und Utopie. 8. Auflage. 1995, ISBN 3-465-02822-8.
  • Karl Marx, Friedrich Engels: in Marx-Engels-Jahrbuch 2003. Die Deutsche Ideologie. ISBN 3-05-003837-3.
  • Karl Popper: Die Offene Gesellschaft und ihre Feinde. ISBN 3-16-145951-2 (Band 1), ISBN 3-8252-1725-6 (Band 2).
  • Jan Rehmann: Einführung in die Ideologietheorie. Hamburg 2008, ISBN 978-3-88619-337-0.
  • Kurt Salamun: Ideologie und Aufklärung: Weltanschauungstheorie und Politik. Böhlau, 1988, ISBN 3-205-05126-2.
  • Brigitte Schlieben-Lange: Idéologie: Zur Rolle von Kategorisierungen im Wissenschaftsprozeß. (Schriften der Philosophisch-historischen Klasse der Heidelberger Akademie der Wissenschaften 18) C. Winter Universitätsverlag, Heidelberg 2000, ISBN 3-8253-0917-7.
  • Ernst Topitsch: Vom Ursprung und Ende der Metaphysik. Wien 1958; Gottwerdung und Revolution. München 1973; Erkenntnis und Illusion. Hamburg 1979; Heil und Zeit. Ein Kapitel zur Weltanschauungsanalyse. Tübingen 1990.
  • Slavoj Žižek: The Sublime Object of Ideology. Verso Books, London/ New York 1989, ISBN 0-86091-256-6.
  • Slavoj Žižek (Hrsg.): Mapping Ideology. Verso, London/ New York 2012, ISBN 978-1-84467-554-8.

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Duden online: Ideologie
  2. Thomas Blume: Ideologie. In: Wulff D. Rehfus (Hrsg.): Handwörterbuch Philosophie (= Uni-Taschenbücher. Nr. 8208). 1. Auflage. Vandenhoeck & Ruprecht / UTB, Göttingen / Stuttgart 2003, ISBN 3-8252-8208-2 (philosophie-woerterbuch.de (Memento vom 25. April 2013 im Internet Archive) – Ehemals Online-Dokument Nr. 426)..
  3. https://www.nzz.ch/feuilleton/gender-debatte-feminismus-ist-nicht-das-gegenteil-von-wissenschaft-ld.1307637
  4. Thomas Blume: Ideologie. In: Wulff D. Rehfus (Hrsg.): Handwörterbuch Philosophie (= Uni-Taschenbücher. Nr. 8208). 1. Auflage. Vandenhoeck & Ruprecht / UTB, Göttingen / Stuttgart 2003, ISBN 3-8252-8208-2 (philosophie-woerterbuch.de (Memento vom 25. April 2013 im Internet Archive) – Ehemals Online-Dokument Nr. 426)..
  5. Dieter Haller: Dtv-Atlas Ethnologie. 2., vollständig durchgesehene und korrigierte Auflage. dtv, München 2010, ISBN 978-3-423-03259-9, S. 175.
  6. Brigitte Schlieben-Lange: Idéologie: Zur Rolle von Kategorisierungen im Wissenschaftsprozess. (Schriften der Philosophisch-historischen Klasse der Heidelberger Akademie der Wissenschaften 18) C. Winter Universitätsverlag, Heidelberg 2000, ISBN 3-8253-0917-7, S. 3.
  7. NAPOLEON im Journal de Paris, 15 pluviôse an IX [= 4. 2. 1801] 815–817, zit. auch in: A. H. TAILLANDIER: Documents biogr. sur P. C. F. Daunou (Paris 21847) 197f.
  8. U. Dierese, Eintrag: Ideologie (I) in: Historisches Wörterbuch der Philosophie Bd. 4, S. 161–164
  9. Thomas Blume: Ideologie. In: Wulff D. Rehfus (Hrsg.): Handwörterbuch Philosophie (= Uni-Taschenbücher. Nr. 8208). 1. Auflage. Vandenhoeck & Ruprecht / UTB, Göttingen / Stuttgart 2003, ISBN 3-8252-8208-2 (philosophie-woerterbuch.de (Memento vom 25. April 2013 im Internet Archive) – Ehemals Online-Dokument Nr. 426)..
  10. Terry Eagleton: Ideologie. Eine Einführung. Stuttgart/ Weimar 2000, S. 136.
  11. Louis Althusser: Für Marx. S. 183 ff.
  12. Institut für Sozialforschung: Soziologische Exkurse. Stichwort: XII Ideologie. Europäische Verlagsanstalt, Frankfurt am Main 1956, S. 168.
  13. „Dasein wird zu seiner eigenen Ideologie“, heißt es in der Dialektik der Aufklärung. In: Max Horkheinmer, Theodor W. Adorno: Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente. In: Theodor W. Adorno: Gesammelte Schriften. Band 3, 2. Auflage. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1984, S. 301.
  14. „Wo diese [die Ideologie] zum Seienden nicht mehr als Rechtfertigendes oder Komplementäres hinzugefügt wird, sondern in den Schein übergeht, was ist, sei unausweichlich und damit legitimiert, zielt Kritik daneben, die mit der eindeutigen Kausalrelation von Überbau und Unterbau operiert.“ Theodor W. Adorno: Negative Dialektik. In. ders.: Gesammelte Schriften. Band 6, 5. Auflage. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1996, S. 264f.
  15. Theodor W. Adorno: Beitrag zur Ideologienlehre. In: ders.: Gesammelte Schriften. Band 8: Soziologische Schriften I. 3. Auflage. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1990, S. 466.
  16. Kurt Salamun: Perspektiven einer Ideologietheorie im Sinne des kritischen Rationalismus. In: Karl R. Popper und die Philosophie der kritischen Rationalismus: zum 85. Geburtstag von Karl R. Popper. (= Studien zur österreichischen Philosophie. Band 14). Verlag Rodopi, 1989, ISBN 90-5183-091-2, S. 263 f.
  17. Herfried Münkler: Mythischer Zauber – Die großen Erzählungen und die Politik. In: Otto Depenheuer (Hrsg.): Erzählungen vom Staat: Ideen als Grundlage von Staatlichkeit. 1. Auflage. VS-Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2011, ISBN 978-3-531-18073-1, S. 146.
  18. a b Lars Distelhorst: Leistung: Das Endstadium der Ideologie. transcript Verlag, Bielefeld 2014, ISBN 978-3-7328-2597-4, Abschnitt 7.
  19. Lino Klevesath, Holger Zapf (Hrsg.): Demokratie – Kultur – Moderne: Perspektiven der politischen Theorie. Oldenbourg Verlag, München 2011, ISBN 978-3-486-59653-3, S. 267.
  20. Peter Tepe: Ideologie. Auflage, Walter de Gruyter, Berlin/ Boston 2012, ISBN 978-3-11-019051-9. S. 6, 135–136.
  21. books.google.ch
  22. Klaus von Beyme: Politische Theorien im Zeitalter der Ideologien: 1789–1945. VS Verlag, 2002, ISBN 3-531-13875-8, S. 49.
  23. a b Winfried Eberhard: Monarchie und Widerstand. Zur ständischen Oppositionsbildung im Herrschaftssystem Ferdinands I. in Böhmen. Oldenbourg, München 1985, ISBN 3-486-51881-X, S. 215 f.
  24. Andreas Kött: Systemtheorie und Religion: mit einer Religionstypologie im Anschluss an Niklas Luhmann. Königshausen & Neumann, Würzburg 2003, ISBN 3-8260-2575-X, S. 353–345.
  25. James Samuel Coleman: Grundlagen der Sozialtheorie. Band 2: Körperschaften und die moderne Gesellschaft. Oldenbourg, München 1992, ISBN 3-486-55909-5, S. 214.
  26. Philippe Büttgen, Christian Jouhaud: Zeitsprünge. Forschungen zur frühen Neuzeit. Band 12: Lire Michel de Certeau – Michel de Certeau. Frankfurt am Main 2008, ISBN 978-3-465-04047-7, S. 241; Joachim Bahlcke, Rudolf Grulich (Hrsg.): Katholische Kirche und Kultur in Böhmen. Ausgewählte Abhandlungen. Münster/ Berlin u. a. 2005, ISBN 3-8258-6687-4, S. 110 f.
  27. Philippe Büttgen, Christian Jouhaud: Zeitsprünge. Forschungen zur frühen Neuzeit. Band 12: Lire Michel de Certeau – Michel de Certeau. Frankfurt am Main 2008, S. 19 und 241.
  28. Stefan von Hoyningen-Huene: Religiosität bei rechtsextrem orientierten Jugendlichen. Münster/ Hamburg 2003, ISBN 3-8258-6327-1, S. 49. (Zugl.: Bielefeld, Univ., Diss., 2002.)
  29. a b Mathias Hildebrandt: Krieg der Religionen? In: Aus Politik und Zeitgeschichte. Ausg. 6 (2007).
  30. Karl Mannheim: Ideologie und Utopie. 8. Auflage. Frankfurt 1995, S. 55.
  31. Roland Barthes: Mythen des Alltags. Frankfurt 1976, S. 129.
  32. Karl Mannheim: Ideologie und Utopie. 8. Auflage. Frankfurt 1995, S. 78.
  33. Slavoj Žižek: Die Tücke des Subjekts. Frankfurt 2010, S. 492.
  34. Roland Barthes: Mythen des Alltags. Frankfurt 1976, S. 150.
  35. Roland Barthes: Mythen des Alltags. Frankfurt 1976, S. 130.
  36. Karl Mannheim: Ideologie und Utopie. 8. Auflage. Frankfurt 1995, S. 65.
  37. Karl Mannheim: Ideologie und Utopie. 8. Auflage. Frankfurt 1995, S. 58.
  38. Karl Mannheim: Ideologie und Utopie. 8. Auflage. Frankfurt 1995, S. 61.
  39. Karl Mannheim: Ideologie und Utopie. 8. Auflage. Frankfurt 1995, S. 62.
  40. Karl Marx: Das Elend der Philosophie. Stuttgart-Berlin 1921, S. 91. Zitiert nach: Karl Mannheim: Ideologie und Utopie. 8. Auflage. Frankfurt 1995, S. 55.
  41. Karl Mannheim: Ideologie und Utopie. 8. Auflage. Frankfurt 1995, S. 78.
  42. Karl Mannheim: Ideologie und Utopie. 8. Auflage. Frankfurt 1995, S. 84.
  43. Roland Barthes: Mythen des Alltags. Frankfurt 1976, S. 128.
  44. Roland Barthes: Mythen des Alltags. Frankfurt 1976, S. 129.
Autoritarismus

Autoritarismus (französisch autoritaire ‚befehlerisch‘, ‚herrisch‘; lateinisch auctoritas ‚Einfluss‘, ‚Geltung‘, ‚Macht‘) gilt in der Politikwissenschaft als eine diktatorische Form der Herrschaft, welche zwar zwischen Demokratie und dem diktatorischen Totalitarismus liegt, sich von Letzterem aber klar unterscheidet. Aus dieser Abgrenzung ergeben sich nach Juan Linz (1975) drei zentrale Definitionsmerkmale:

begrenzter Pluralismus,

keine umfassend formulierte Ideologie,

weder extensive noch intensive Mobilisierung.Der begrenzte Pluralismus ist als zentrales Abgrenzungsmerkmal zu sehen. Der Handlungsspielraum von politischen und gesellschaftlichen Akteuren hängt weitgehend von der autoritären Staatsführung ab. In Abgrenzung zum Totalitarismus ist für den Autoritarismus zutreffender von Mentalitäten zu sprechen als von (politischen) Ideologien und Weltanschauungen. Mentalität ist nach Theodor Geiger (1932) „subjektive Ideologie“, aber „objektiver Geist“. Mentalitäten sind psychische Prädispositionen und funktionieren formlos.

Das Fehlen einer klaren Ideologie bewirkt einen Verlust der Mobilisierungsfähigkeit, der Bevölkerung fehlt eine emotionale Bindung an das System. Daher formulieren autoritäre Regime ihre Politik pragmatisch und versuchen gleichzeitig, allgemeine Wertvorstellungen wie Patriotismus, Nationalismus, Modernisierung, Ordnung usw. durchzusetzen.

Blut-und-Boden-Ideologie

Die Blut-und-Boden-Ideologie ist eine agrarpolitische Ideologie, welche die Einheit eines rassisch definierten Volkskörpers mit seinem Siedlungsgebiet postuliert. Bäuerliche Lebensformen werden dabei nicht nur idealisiert und als Gegengewicht zur Urbanität gesetzt, sondern auch mit rassistischen und antisemitischen Ideen verknüpft, die eine germanisch-nordische Rasse als Bauerntum einem angeblichen jüdischen Nomadentum entgegensetzen. Zur angestrebten Verbäuerlichung der Gesellschaft bedarf es nach der Blut-und-Boden-Ideologie für ein „Volk ohne Raum“ neuer Siedlungsgebiete, die als Lebensraum im Osten zu erobern seien.

„Blut und Boden“ war ein zentrales Schlagwort der nationalsozialistischen Ideologie. Auf die völkische Ideologie der Artamanen und die Schriften Walther Darrés zurückgehend, wurden die Vorstellungen der Blut-und-Boden-Ideologie vor allem von Adolf Hitler, Heinrich Himmler und Baldur von Schirach aufgenommen und bestimmten die nationalsozialistische Agrarpolitik. Das 1933 erlassene Reichserbhofgesetz gilt als Ausdruck der Blut-und-Boden-Ideologie. Darré betrieb die Umsetzung seines Siedlungs- und Auslesekonzepts als Leiter des Reichsamts für Agrarpolitik, Reichsbauernführer, Reichsminister für Ernährung und Landwirtschaft und Leiter des Rasse- und Siedlungshauptamtes der SS, deren Vorstellungswelt er nachhaltig prägte.

Chuch’e-Ideologie

Die Chuch’e-Ideologie (von koreanisch Chuch’e: ‚Selbständigkeit‘, ‚Autarkie‘; Aussprache in IPA: [ʨu.ʨʰe], sprich Dschutsche), meist Juche-Ideologie geschrieben, ist eine politische Ideologie, die vom ersten Präsidenten Nordkoreas (Demokratische Volksrepublik Korea, DVRK), Kim Il-sung, entwickelt wurde.

Die deutsche Ideologie

Die deutsche Ideologie ist ein Manuskriptkonvolut, das in den Jahren 1845–1846 hauptsächlich von Karl Marx und in Teilen von Friedrich Engels und zeitweilig auch von Moses Hess, Joseph Weydemeyer und Roland Daniels verfasst, damals aber nur zu einem geringen Teil veröffentlicht wurde. Zusammen mit den 1845 von Marx verfassten, ebenfalls zu Lebzeiten unveröffentlichten Thesen über Feuerbach gilt Die deutsche Ideologie als Schlüsselwerk des Historischen Materialismus.

Gaullismus

Gaullismus ist eine politische Strömung in Frankreich, die von Charles de Gaulle begründet wurde und die einen kulturell konservativen, wirtschaftlich aufgeschlossenen, aber zentralistischen Staat anstrebt. Heute vertritt ein Teil des Parteienbündnisses Les Républicains (bis Mai 2015 Union pour un mouvement populaire), dem auch der ehemalige Präsident Nicolas Sarkozy angehört, die Idee des Gaullismus.

Spricht man bei deutschen Politikern (historisch) vom Gaullismus, meint man damit eine außenpolitische Ausrichtung.

Ideologiekritik

Ideologiekritik bezeichnet ein philosophisches und soziologisches Kritikmodell, das die mangelnde Übereinstimmung von Denken und Sein aufzeigt und die Ursachen der Entstehung dieser Diskrepanz analysiert. Die mit dem Begriff der Ideologie umschriebene Nichtübereinstimmung mit der Wirklichkeit wird nicht auf irrtümliches Denken zurückgeführt, sondern als ein durch anthropologische, psychologische oder gesellschaftliche Ursachen notwendig erzeugtes Produkt erklärt (siehe dazu: Kategorisierung). Die gesellschaftlichen Verhältnisse aufzudecken, die dem Denken Schranken setzen, ist ein Hauptmotiv der klassischen Ideologiekritik von Karl Marx und Friedrich Engels.

Die Wortgeschichte des Begriffs wurde nie systematisch erforscht. Eine frühe Verwendung findet sich in den frühen 1930er Jahren bei Antonio Gramsci.Der Begriff „Ideologiekritik“ darf nicht missverstanden werden als „Kritik am Konzept der Ideologie“, sondern ganz im Gegenteil als „Aufdeckung ideologischer Motive in der Gesellschaft“.

Irredentismus

Als Irredentismus wurde zunächst die italienisch-nationalistische Ideologie bezeichnet, deren Ziel nach der Einigung Italiens 1861 die Angliederung der unter österreichischer Herrschaft verbliebenen italienisch besiedelten Gebiete Trentino und Triest war. Das beanspruchte Gebiet im Ausland wird (die) ‚Irredenta‘ oder italienisch: ‚terra irredenta‘ (das [noch] unbefreite Land, verlorene Land) genannt. Von einer politisch isolierten Minderheit im italienischsprachigen Schweizer Kanton Tessin wurde der Irredentismus auch auf die Italienische Schweiz übertragen.Heute versteht man unter Irredentismus die Zusammenführung möglichst aller Vertreter einer bestimmten Ethnie in einen Staat mit festen Territorialgrenzen. Diese Ideologie ist Teil vieler Panbewegungen, wie des Pangermanismus, des Panslawismus oder des Panhellenismus.

Im historischen Sinne bezeichnet das Wort den italienischen Irredentismus, der selbst eine Panbewegung darstellt. Man spricht auch von „Panitalianismus“.

Laizismus

Laizismus (genauer: Laizität) geht auf das altgriechische Wort λαϊκός laïkós „der Ungeweihte, Laie (im Gegensatz zum Priester)“ zurück. Der Begriff laïcité wurde 1871 vom französischen Pädagogen und späteren Friedensnobelpreisträger Ferdinand Buisson geprägt, der sich für einen religionsfreien Schulunterricht einsetzte. Im heutigen Sprachgebrauch beschreibt der Begriff „Laizität“ die religionsverfassungsrechtlichen Modelle, denen das Prinzip strenger Trennung zwischen Religion und Staat zugrunde liegt. In einigen Staaten ist der Begriff „Laizismus“ inzwischen in der Verfassung verankert. Etliche weitere, meist westliche Staaten sind laut ihrer Verfassung zwar nicht explizit laizistisch, sie praktizieren die Trennung von Staat und Religion(en) jedoch in unterschiedlichem Umfang.

Louis Althusser

Louis Althusser [altyˡseʁ] (* 16. Oktober 1918 in Bir Mourad Raïs im Département d’Alger, Französisch-Nordafrika (heute Algerien); † 22. Oktober 1990 in La Verrière im Département Yvelines) war ein französischer Philosoph. Er galt in den 1960er und 1970er Jahren als ein einflussreicher marxistischer Theoretiker. Seine intellektuelle Biografie nahm aber durch den Mord an seiner Frau 1980 ein tragisches Ende. Althusser war u. a. Lehrer von Alain Badiou, Michel Foucault, Jacques Derrida, Maurice Godelier, Nicos Poulantzas, Jacques Rancière, Étienne Balibar, Régis Debray und Bernard-Henri Lévy.

Marxismus-Leninismus

Der Begriff Marxismus-Leninismus bezeichnet ab Mitte der 1920er-Jahre die offizielle politische Ideologie der Sowjetunion und später diejenige des gesamten Ostblocks. Er wurde von Josef Stalin als „die durch Lenin weiterentwickelte Marx’sche Lehre unter den neuen Verhältnissen des Klassenkampfes in der Epoche des Imperialismus und der proletarischen Revolutionen“ definiert.

Militarismus

Als Militarismus wird die Dominanz militärischer Wertvorstellungen und Interessen in der Politik und im gesellschaftlichen Leben bezeichnet, wie sie etwa durch die einseitige Betonung des Rechts des Stärkeren und die Vorstellung, Kriege seien notwendig oder unvermeidbar, zum Ausdruck kommen oder durch ein strikt hierarchisches, auf Befehl und Gehorsam beruhendes Denken vermittelt werden.

Nationalanarchismus

Nationalanarchismus ist eine seit den späten 1990er Jahren auftretende, marginale ideologische Strömung, die Nationalismus und Anarchismus verbinden will. Sie wird in der Extremismusforschung und von Verfassungsschützern meist als Teil einer rechtsextremen Querfrontstrategie betrachtet. Ihre Vertreter haben Beziehungen zum Neonazismus.

Nationalismus

Nationalismus ist eine Ideologie, die eine Identifizierung und Solidarisierung aller Mitglieder einer Nation anstrebt und letztere mit einem souveränen Staat verbinden will. Nationalismen werden (zunächst) von Nationalbewegungen getragen und in Nationalstaaten auch durch das jeweilige Staatswesen reproduziert. Je nach Entstehungsgeschichte des jeweiligen Nationalismus, ist die Identität der Nation, die durch den Nationalismus befördert wird, unterschiedlich ausgefüllt. Unterscheidungsmarker können Staatsangehörigkeit, kulturelle, ethnische, religiöse und/oder Abstammungsmerkmale umfassen.

Nationalismus zeichnet nach vielfach geäußerter Meinung im Gegensatz zum Patriotismus und Nationalbewusstsein eine übersteigerte Überzeugung vom Wert und der Bedeutung der eigenen Nation aus. Er glorifiziere die eigene Geschichte und würdige hierbei häufig andere Nationen herab.

Das 19. Jahrhundert kannte den Begriff Nationalismus zunächst nicht, sondern lediglich den des Nationalstaatsprinzips (Eric Hobsbawm). Ziel nationaler Bestrebungen war es, zersplitterte Territorien zu vereinigen, großräumige Handelszonen zu schaffen, Kultur, Administration und die Verkehrssprache im Interesse einer Nationalökonomie zu vereinheitlichen. Die Nation im rechtlich-philosophischen Sinne ist das „Staatsvolk“. Zu dem Staatsvolk müssen nicht alle Bewohner eines Territoriums zählen, die „Vereinigten Staaten von Amerika“ zählten schwarze Bewohner und Indianer anfangs nicht dazu. Die meisten Nationalstaaten erweiterten im 19. Jahrhundert ihr „Staatsvolk“ um ausgeschlossene Bevölkerungsgruppen und gewährten dem Staatsvolk umfangreichere Rechte. Der Nationalstaatsgedanke ist daher als rechtliche Grundlage mit der modernen Staatlichkeit verbunden. Judenemanzipation, Freies Wahlrecht, einheitliche Gesetzgebung, Gleichberechtigung aller Bürger wurden im Rahmen des Nationalstaatsgedankens durchgesetzt. Der Nationalismus als Massenideologie gewann im 19. Jahrhundert zunehmend an Kraft und vereinte heterogene Staatsvölker durch ein vereinheitlichendes Selbstverständnis.Historisch erreichten nationalistische Ideen erstmals im ausgehenden 18. Jahrhundert im Zusammenhang mit dem Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg und der Französischen Revolution politisch bedeutsame Auswirkungen. Im 19. Jahrhundert kam es zu europäischen Nationenbildungen, die ein im Vergleich zur französischen Staatsnation stärker ethnisches Nationenbild transportierten, so zum Beispiel die deutsche Kulturnation oder die Bulgarische Wiedergeburt. Außerhalb Europas entstanden durch Unabhängigkeitsbestrebungen vom Kolonialismus Nationen. Spätestens seit der Etablierung des Selbstbestimmungsrechts der Völker auf völkerrechtlicher Ebene im 20. Jahrhundert sind Nationalismen eine hegemoniale Ideologie auf globaler Ebene.

Nationalismus ist nicht an ein bestimmtes politisches System gebunden: Herrschten zu Beginn des Erfolgs von Nationalismen aufklärerische Staatsmodelle vor, so verbanden sich später unterschiedliche Nationalismen auch unter anderem mit monarchistischen, post-kolonialen, realsozialistischen und faschistischen Systemen bis hin zum Nationalsozialismus. Auch von Demokratien werden nationalistische Ziele verfolgt.

Nationalismen können – wie in den Jugoslawienkriegen – zum Zerfall von Staaten führen, oder aber – wie im italienischen Risorgimento – Staaten vereinen.

Die Gegenbewegung und -ideologie zum Nationalismus ist der Internationalismus oder Kosmopolitismus. Supranationalismus ist verbunden mit einer Aufweichung nationaler Orientierungen und entsprechender Reaktionen, zum Beispiel zu beobachten im Bereich der Europäischen Union.

Nationalsozialismus

Der Nationalsozialismus ist eine radikal antisemitische, rassistische, nationalistische (chauvinistische), völkische, sozialdarwinistische, antikommunistische, antiliberale und antidemokratische Ideologie. Seine Wurzeln hat er in der völkischen Bewegung, die sich etwa zu Beginn der 1880er Jahre im deutschen Kaiserreich und in Österreich-Ungarn entwickelte. Ab 1919, nach dem Ersten Weltkrieg, wurde er zu einer eigenständigen politischen Bewegung im deutschsprachigen Raum. Diese strebte wie der 1922 in Italien zur Macht gelangte Faschismus einen autoritären Führerstaat an, unterschied sich aber von ihm durch den extremen Rassismus und Antisemitismus.

Die 1920 gegründete Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP) gelangte unter Adolf Hitler am 30. Januar 1933 in Deutschland zur Macht, wandelte die Weimarer Republik durch Terror, Rechtsbrüche und die so genannte Gleichschaltung in die Diktatur des NS-Staats um. Dieser löste 1939 mit dem Überfall auf Polen den Zweiten Weltkrieg aus, in dessen Verlauf die Nationalsozialisten und ihre Kollaborateure zahlreiche Kriegsverbrechen und Massenmorde verübten, darunter den Holocaust an etwa sechs Millionen europäischen Juden und den Porajmos an den europäischen Roma. Die Zeit des Nationalsozialismus endete mit der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht am 8. Mai 1945.

Seitdem beeinflusst die Bewältigung der NS-Vergangenheit die Politik. NS-Propaganda, das Verwenden damaliger Symbole und politische Betätigung im nationalsozialistischen Sinn sind seit 1945 in Deutschland und Österreich verboten. In weiteren Staaten bestehen ähnliche Verbote. Neonazis und andere Rechtsextremisten vertreten weiterhin nationalsozialistische oder damit verwandte Ideen und Ziele.

Politische Ideologie

Eine politische Ideologie (auch Ideologismus, siehe -ismus) oder Strömung ist die Gesamtheit der Ideen, Vorstellungen und Theorien zur Begründung und Rechtfertigung politischen Handelns. Wie bei jeder wertneutral verstandenen Ideologie sind es in erster Linie die Grundeinstellungen und Wertvorstellungen, die von ihren Anhängern geteilt und für wahr gehalten werden. Politische Programme basieren immer auf bestimmten Wertesystemen. Typisch für politische Ideologien ist zudem die Kombination von bestimmten Interessen und die starke Absicht zu ihrer konkreten politischen und sozialen Umsetzung. Eine Ideologie möchte die Welt nicht nur erklären, sondern auch beeinflussen, so dass politische Ideologien Ausdruck verfestigter politischer Normen und Einstellungen mit einem normativen Gestaltungsanspruch sind. Sie motivieren das politische Verhalten der Menschen und sind damit ein wesentlicher Teil politischer Orientierung.Die grundlegenden, modernen politischen Ideologien sind Liberalismus (Betonung der Freiheit), Sozialismus (Betonung der Gleichheit) und Konservatismus (Betonung von gesellschaftlichen Traditionen).

Politische Linke

Unter der politischen Linken werden relativ breit gefächerte weltanschauliche Strömungen des politischen Spektrums verstanden. Die mitunter weit voneinander entfernten Strömungen der politischen Linken eint dabei, dass sie von der Gleichheit der Menschen ausgehen. Mit linker Politik werden sehr unterschiedliche Umsetzungsversuche jener ideologischen Ansätze bezeichnet, welche die Aufhebung von Ungleichheit und als Unterdrückung begriffenen Sozialstrukturen zugunsten der wirtschaftlich oder gesellschaftlich Benachteiligten zum Ziel haben. Ihr traditioneller Gegenpol ist die Politische Rechte.

Bereits unmittelbar vor der ersten – der „großen“ – Französischen Revolution (1789–1799) angewandt, hat sich der Begriff der politischen „Linken“ (und deren Gegenpol, der „Rechten“) während der sogenannten „Julimonarchie“ in Frankreich nach der Julirevolution von 1830 für die Einteilung der parlamentarischen Sitzordnung etabliert. Inhaltlich wurden damals unter der Linken zunächst alle in Opposition gegenüber den tradierten, monarchischen Herrschaftsformen der europäischen Staatsgebilde der frühen Neuzeit stehenden politischen Vorstellungen subsumiert. In diesem Verständnis wurden mit der Linken tendenziell antimonarchistische und republikanische, auch am klassischen Liberalismus orientierte politische Strömungen bezeichnet.

Im heutigen Sprachgebrauch wird unter einer „linken“ politischen Positionierung in der Regel eine Haltung verstanden, die sich ideologisch von mehr oder weniger ausgeprägten und gefestigten sozialistischen Grundsätzen ableitet. Er wird vor allem angewendet auf den Kommunismus und den Anarchismus, historisch stärker, in der Gegenwart eingeschränkter auch auf die Sozialdemokratie und bisweilen den Sozialliberalismus oder Linksliberalismus.Obwohl die Einteilung der politischen Pole in rechts und links angesichts der Komplexität der modernen Anforderungen in der gesellschaftspolitischen Praxis sowohl auf nationalstaatlich-innenpolitischer und mehr noch auf internationaler Ebene zunehmend umstritten ist, ist eine entsprechende Einordnung im alltäglichen Sprachgebrauch weiterhin üblich und auch in der Öffentlichkeit, zum Beispiel in den Massenmedien, verbreitet. Sie dient beispielsweise sowohl der eigenen weltanschaulichen Standortbestimmung und Identifikation von Individuen, politischen Gruppen und Parteien als auch der Abgrenzung von politischen Gegnern.

Reaktion (Politik)

Als politischer Begriff bezeichnet Reaktion einerseits den „Versuch, überholte gesellschaftliche Verhältnisse gegen Änderungsabsichten (reformerischer oder revolutionärer Art) zu verteidigen“ und andererseits die „Gesamtheit der fortschrittsfeindlichen politischen Kräfte“. Das Adjektiv „reaktionär“ steht entsprechend für „an nicht mehr zeitgemäßen [politischen] Verhältnissen festhaltend“; das Substantiv „Reaktionär“ wurde zum Synonym für einen Ewiggestrigen. Oft wird „Reaktion“ als Kampfbegriff und abwertend gebraucht.

Revisionismus

Der Begriff Revisionismus (lat. revidēre „wieder hinsehen“) steht für Versuche, eine als allgemein anerkannt geltende historische, politische oder wissenschaftliche Erkenntnis und Position nochmals zu überprüfen, in Frage zu stellen, neu zu bewerten oder umzudeuten. Der Begriff wird sowohl von den Befürwortern als auch von den Gegnern solcher Revisionen verwendet.

Totalitarismus

Totalitarismus bezeichnet in der Politikwissenschaft eine diktatorische Form von Herrschaft, die, im Unterschied zu einer autoritären Diktatur, in alle sozialen Verhältnisse hineinzuwirken strebt, oft verbunden mit dem Anspruch, einen „neuen Menschen“ gemäß einer bestimmten Ideologie zu formen. Während eine autoritäre Diktatur den Status quo aufrechtzuerhalten sucht, fordert eine totalitäre Diktatur von den Beherrschten eine äußerst aktive Beteiligung am Staatsleben sowie dessen Weiterentwicklung in eine Richtung, die durch die jeweilige Ideologie angewiesen wird.

Typisch sind somit die dauerhafte Mobilisierung in Massenorganisationen und die Ausgrenzung bis hin zur Tötung derer, die sich den totalen Herrschaftsansprüchen tatsächlich oder möglicherweise widersetzen. Als politisches Gegenmodell zum Totalitarismus gilt der demokratisch-freiheitliche, materielle Rechtsstaat mit der durch Grundrechte, Gewaltenteilung und Verfassung gewährleisteten Freiheit der Staatsbürger. Meistens werden sowohl Nationalsozialismus als auch Stalinismus als Prototypen totalitärer Regime eingeordnet.

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