Francis Bacon

Francis Bacon, 1. Viscount St. Albans, Baron Verulam (* 22. Januar 1561 in London; † 9. April 1626 in Highgate bei London) war ein englischer Philosoph, Jurist, Staatsmann und gilt als Wegbereiter des Empirismus.

Somer Francis Bacon
Porträt von Sir Francis Bacon. Frans Pourbus (1617), Łazienki-Palast Warschau
Signatur von Francis Bacon

Leben

Biographie

Familie

Francis Bacon wurde am 22. Januar 1561 in London als der jüngere der beiden Söhne aus der zweiten Ehe von Sir Nicholas Bacon (1509–1579), als Lord Keeper of the Great Seal Inhaber des höchsten juristischen Staatsamtes, unter Elisabeth I. geboren. Seine Mutter war Anne Cooke Bacon, deren Schwester mit Lord Burghley verheiratet war. Lady Anne war sehr religiös. Sie war Anhängerin des Puritanismus[1], der sich gegen staatliche Regulierungen verwahrte. Sie war außerordentlich gebildet, perfekt im Lateinischen und Griechischen sowie in den neueren Sprachen Französisch und Italienisch. Sie hatte einen großen Einfluss auf ihre Söhne, die zunächst im Hause erzogen wurden.

Aus der ersten Ehe des Nicholas Bacon mit Jane Bacon, einer geborenen Fernley (ca. 1518 – ca. 1552), hatte Francis Bacon drei Halbbrüder. Mit seinem Bruder Anthony war er bis zu seinem Tod freundschaftlich und beruflich verbunden. Die Religiosität seiner Mutter und das politische Leben seines Vaters prägten sein Leben und sein Weltbild. Beide lebten ihm vor, die Verpflichtung gegenüber dem Volk höher zu bewerten als sein persönliches Glück.

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Sir Nicholas Bacon (1509–1579), der Vater (Porträt von 1579, Künstler unbekannt)
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Anne Cooke Bacon (1527–1610), die Mutter, zweite Ehefrau des Vaters

Ausbildung

Im Alter von 13 Jahren kam er aufs Trinity College in Cambridge, wo er Medizin und Jura studierte und mit seinem älteren Bruder Anthony Bacon (1558–1601) lebte. Wie in anderen renommierten Schulen auch, so war es auch im Trinity College noch üblich, das Einpauken des Lernstoffes dem eigenen Denken vorzuziehen. Selbst Texte der mittelalterlichen Reformer Duns Scotus, William von Ockham und Roger Bacon wurden nicht gelesen. Möglicherweise stammt schon aus dieser Zeit seine Abneigung gegen „fruchtlose“ aristotelische Philosophie nach Art der Scholastik.

1576 wurden die Brüder Bacon bei der societas magistrorum (d. h. Lehrkörper) von Gray’s Inn (einer der vier Juristenschulen in London) aufgenommen. Wenige Monate später gingen sie ins Ausland zu Sir Amias Paulet, dem englischen Botschafter in Paris. Die turbulente Lage von Frankreichs Regierung und Gesellschaft zur Zeit der Regentschaft Heinrichs III. bot dem Attaché Francis Bacon wertvolles politisches Anschauungsmaterial.[2]

Im Februar 1579 kehrte er wegen des plötzlichen Todes des Vaters nach England zurück. Sir Nicholas hatte nicht mehr für die finanzielle Absicherung seines Jüngsten sorgen können. Es wurde notwendig, einen Beruf zu ergreifen, und Bacon nahm noch 1579 sein Studium der Rechtswissenschaft an den Inns of Court (Gray’s Inn) wieder auf. 1582 erwarb er einen Abschluss und ließ sich als Barrister (Anwalt) nieder. 1584 wurde er Mitglied des House of Commons, dem er bis 1614 angehörte. Ab 1588 war er an der Gray’s Inn als lecturer tätig.

Bacons Lebensentwurf war damals dreigeteilt: Er bestand aus der Schaffung besserer Voraussetzungen für die Wissensproduktion im Interesse einer wissenschaftlich gültigen und technisch verwertbaren Wahrheitsfindung, aus dem praktisch-politischen Wunsch, seinem Land zu dienen, und aus der Hoffnung, etwas für die Kirche tun zu können. In einem Brief an Königin Elisabeth bat er 1584 um Unterstützung für seine großen Pläne. Dieses politische Memorandum fand wenig Widerhall. Erfolg als Anwalt und Parlamentarier zu haben, schien in dieser Hinsicht aussichtsreicher zu sein.[3]

Konflikte und Heirat

Zu Beginn der 90er Jahre hatte er in Robert Devereux, 2. Earl of Essex einen Patron gefunden, dem er als politischer Berater diente und der ihn förderte. Sein Widerspruch gegen die kurze Zahlungsfrist von drei Jahren für dreifache Subsidien der Regierung ließ Bacon 1593 bei Königin Elisabeth I. in Ungnade fallen. Alle Versuche Bacons, die Gunst der Königin zurückzugewinnen, scheiterten, ebenso Essex’ Interventionen zu seinen Gunsten.

Gegen Bacons Rat übernahm Essex 1598 das Kommando des Feldzugs gegen die aufständischen Iren. Sein Misserfolg ließ Essex in Ungnade fallen. Er wurde unter Hausarrest gestellt und sein wertvolles Rotweinimport-Monopol eingezogen. Daraufhin versuchte er einen Staatsstreich, der jedoch scheiterte und zum völligen Verlust seiner einstigen Günstling-Stellung bei Königin Elisabeth I. führte. Bacon wurde von der Königin beordert, gegen Essex zu ermitteln und an dem Prozess gegen den Earl im Jahre 1601 als „learned counsel“ (Vertreter der Krone) teilzunehmen. Essex versuchte Bacon vor dem Kronrat zu belasten, was Bacon mit Mühe verhindern konnte.

Essex
Devereux, 2. Earl von Essex.

Das Verhalten Bacons im Falle Essex’ hat für Auseinandersetzungen in der Literatur gesorgt. „Nach Lage der umfangreichen Dokumente war der Tathergang eindeutig ...“ schrieb Krohn. Ein möglicher Versuch, sich dem Befehl Elisabeths I. zu entziehen, hätte Bacon selbst verdächtig gemacht. Schon zu Lebzeiten wurde Bacon öffentlich von seinen Freunden und Anhängern von Essex dafür getadelt, dass er gegenüber einem Freund verräterisch und undankbar gehandelt habe. Seine Gegendarstellung wurde nicht akzeptiert.[4]

Francis Bacon heiratete mit 45 Jahren aus finanziellen Gründen Alice Barnham (1592–1650), die vierzehnjährige Tochter eines Londoner Stadtrats und Parlamentsabgeordneten. Davon abgesehen hält sich ein Gerücht über Bacons Homosexualität. John Aubrey zeigte sein Missfallen über Bacons sexuelle Orientierung, und der puritanische Moralist Sir Simonds D’Ewes, der mit Bacon im Parlament saß, erwähnt die Neigung Bacons in seiner Autobiographie.[5] In der Druckfassung von 1845 wurden die entsprechenden Passagen allerdings zensiert.

Erst unter Jakob I. gelang es ihm, politisch aufzusteigen. Im Zuge der Krönungsfeierlichkeiten wurde Bacon am 23. Juli 1603 – als einer von 300 Gefolgsleuten – zum Knight Bachelor geschlagen,[6] was wohl auf Bitten seines Vetters Robert Cecil erfolgte. Im Jahr 1607 wurde er zum Generalstaatsanwalt (Solicitor General) ernannt. In dieser Eigenschaft klagte er unter anderem Walter Raleigh an, was zu dessen Verurteilung zum Tod führte. Bacon war möglicherweise selbst an Folterungen beteiligt.[7] Gesichert ist das jedoch nicht. Er war in seiner Funktion als Lordkanzler Zeuge der Folterung des aufrührerischen Priesters Edmund Peacham und unterschrieb – gemeinsam mit etlichen anderen Amtspersonen – die Empfehlung, auch den dissidenten Schulmeister Samuel Peacock auf der Streckbank zu befragen. Persönlich hatte er allerdings kein Vertrauen in die Methode, da Menschen lügen würden, um die Schmerzen zu beenden.[8] 1613 stieg er, nach dem Tod seines Vorgängers, zum Generalfiskal (Attorney General) auf. 1617 wurde er Großsiegelbewahrer, 1618 wurde er zum Lordkanzler befördert und erhielt den erblichen Adelstitel Baron Verulam (auch Baron Bacon of Verulam). 1621 wurde er zum Viscount St. Albans erhoben.[9]

Wenig später wurde er im Zusammenhang mit der strittigen Bewilligung von Haushaltsmitteln der Bestechlichkeit bezichtigt. Bacon vertrat in dieser Auseinandersetzung die Interessen der Krone gegen das Parlament, das eine Untersuchungskommission einsetzte, um weitere Geldmittel zu blockieren und bereits ausgezahlte zurückzufordern. In dieser Untersuchung wurden 27 Zeugen befragt, die Bacon beschuldigten Geldmittel angenommen zu haben. Das Gericht konnte einen Einfluss auf die Bewilligung von Geldern an Einzelne nicht bestätigen. Nach Geständnis und Verurteilung zu einer Geld- und Haftstrafe wurde er bis zu seinem Tod vom Hof verbannt. Das Strafmaß, das im Ermessen des Königs stand, betrug nur vier Tage. Die Geldstrafe wurde nie vollstreckt.[10]

Schriftsteller

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Ruine des Familienbesitzes in Gorhambury

Auf dem Familiensitz in Gorhambury widmete er sich intensiv schriftstellerischen Tätigkeiten. Als Staatsmann und Parlamentarier hatte er sich immer wieder schriftlich an den Hof gewandt. 1597 veröffentlichte er eine Sammlung politischer Aufsätze. 1605, folgte The Advancement of Learning, ein erfolgloser Versuch Unterstützer für die Veränderung der Wissenschaften zu finden. 1609 erschien unter dem Titel On the Wisdom of the Ancients eine Analyse der klassischen, griechischen Mythologie.

Es entstanden einige Zeit später das bekannte Novum Organum (1620) und The History of Henry VII. (1622). Ebenfalls 1622 erschienen Historia Ventorum und Histora Vitae et Mortis, zwei naturwissenschaftliche Veröffentlichungen, in denen Bacon sich zu Winderscheinungen äußerte und Ideen für eine gesunde, lebensverlängernde Lebensführung vortrug.[11] Schließlich folgten zur Reformidee der Wissenschaften 1623 De Augmentis Scientarium und 1624 eine utopische Erzählung über The New Atlantis.[12]

Am 9. April 1626 starb er in Highgate (damals nahe London) an den Folgen des einzigen von ihm überlieferten empirischen Versuches: Beim Experiment, ob sich die Haltbarkeit toter Hühnchen durch Ausstopfen mit Schnee verlängern ließe, zog er sich eine Erkältung zu und erlag wenig später einer Lungenentzündung. Er hinterließ Schulden in Höhe von 22 000 £.

Als er 1626 kinderlos starb, erloschen seine Adelstitel.

Bacon und Shakespeare

Im Jahr 1856 wurde von Delia Bacon zum ersten Mal behauptet, und dann in ihrem Buch The Philosophy of Shakespeare’s Plays (1857), der frühesten Anti-Stratford-Monographie, wiederholt, dass Bacon die Shakespeare-Werke verfasst habe. Sie entwickelte die Ansicht, dass sich hinter den Shakespeare-Stücken eine Gruppe von Schriftstellern mit Francis Bacon, Sir Walter Raleigh und Edmund Spenser verberge.

Constance Pott (1833–1915) unterstützte eine modifizierte Sicht; sie gründete 1885 die Francis Bacon Society und veröffentlichte 1891 ihre auf Bacon zentrierte Theorie unter dem Titel Francis Bacon and His Secret Society.[13] Die Bacon-Gesellschaft vertritt noch heute die These, Bacon sei der eigentliche Verfasser der Werke Shakespeares.[14] Von der wissenschaftlichen Shakespeare-Forschung wird diese Behauptung – wie auch weitere über eine andere Verfasserschaft der Shakespeare-Werke – abgelehnt.

Werk

Schriften

Bacon Great Instauration frontispiece
Titelblatt der Enzyklopädie Instauratio magna, London 1620

Aus Francis Bacons Doppelkarriere als Philosoph und Politiker ergab sich, dass er zahlreiche philosophische, literarische und juristische Schriften verfasste, die aber nicht immer sogleich publiziert wurden. Nach frühen politischen Denkschriften, u. a. für Königin Elisabeth, veröffentlichte Bacon erstmals einige seiner „Essays“ 1597.

Als seine beiden Hauptwerke sah er selbst De dignitate et augmentis scientiarum (Über die Würde und den Fortgang der Wissenschaften), die ein erster Versuch einer Universalenzyklopädie genannt werden kann, und „Novum organon scientiarum“ (1620), die Prinzipien einer Methodenlehre der Wissenschaften, an. De augmentis... ist eine erweiterte Fassung seines früheren Werkes Advancement of Learning (1605) und stellt nicht nur eine systematische Übersicht über den Wissensstand seiner Zeit dar, sondern skizziert zudem künftige Gebiete der naturwissenschaftlichen Forschung. Diese beiden Schriften waren nur als Teil eines wesentlich umfassenderen Werkes gedacht, das Bacon geplant, jedoch nie vollendet hat.[15]

1609 erscheint in London seine – sehr populäre – Interpretation antiker Mythen Francisci Baconi De Sapientia Veterum Liber. Er vergleicht sie mit Hieroglyphen oder Parabeln, deren wissenschaftlichen Kern er offen legen und so für die Erweiterung der Kenntnisse seiner Zeit nutzbar machen möchte. Der Historiker und Philosoph Kuno Fischer geht zwar davon aus, dass Bacon mit seinen phantasievollen Interpretationen den eigentlichen Sinn der Mythen verfehle, jedoch sei die Beschäftigung damit für Bacons Philosophie bedeutsam gewesen.[16]

Etwa im Jahr 1614 schreibt er mit Nova Atlantis eine wirkungsgeschichtlich folgenreiche Utopie, in der er unter anderem die Gründung wissenschaftlicher Akademien nach seinen Vorstellungen anregt (unvollendet – erstmals im Druck in seinem Todesjahr). Er schildert dazu einen Tempel auf der Insel Bensalem (Friedenssohn), wo seine Schätze, seine Wissenschaftsideen von weisen Männern, die Wissenschaftler und Priester in einer Person sind, aufbewahrt und gehütet werden.[17]

Besondere Wirkung auf seine Zeitgenossen haben seine Essays (1597 erstmals erschienen, ein „Longseller“, der bis heute bei den englischen Buchhändlern ununterbrochen lieferbar ist), die 1612 von zehn auf 38 erweitert wurden und schließlich in die aus 58 Aufsätzen bestehende Fassung von 1625 unter dem Titel The Essayes or Counsels, Civill and Morall; zusammengefasst wurden. Nicht nur mit den Essays – für den Titel haben vermutlich Montaignes Essayes Pate gestanden – auch mit anderen Werken ist Bacon einer der einflussreichsten englischen Schriftsteller seiner Zeit; er versteht wie kein Zweiter, Farbigkeit der Sprache mit Durchsichtigkeit, gedankliche Fülle mit Klarheit zu verbinden. Seine bildhafte Sprache macht die von ihm erörterten Gegenstände anziehend und anschaulich. In Verbindung mit der Klarheit seines Methodenbewusstseins ist dieser Stil auch ein Element seiner ungewöhnlichen Wirkung auf Zeitgenossen und Nachwelt.[18]

Bacons Sekretär und Nachlaßverwalter William Rawley (1588–1667) hat dafür gesorgt, dass die vielen Werke, die Bacon in den Jahren nach seiner Entlassung aus allen Ämtern und der Verbannung aus London geschrieben, aber nicht mehr publiziert hat, postum veröffentlicht wurden.[19]

Bacons wissenschaftliche Beiträge

In Cambridge bringt ihn das Studium verschiedener damaliger Disziplinen zu dem Schluss, dass in den Wissenschaften sowohl die angewandten Methoden als auch die erlangten Ergebnisse fehlerbehaftet seien. Die aktuelle Philosophie der Scholastik erscheint ihm als öde, streitlustig und falsch in ihren Zielsetzungen. Die Philosophie brauche einen wahren Zweck und neue Methoden, um neues Denken und Forschen, sowie im Ergebnis gesellschaftlich relevante Erfindungen zu ermöglichen. "Denn die Wohltaten der Erfinder können dem ganzen menschlichen Geschlecht zugute kommen." (NO I, Aph. 129.)

Grundsätze und Experimente

Oft wird Bacon mit der Formel „Wissen ist Macht“ zitiert. Die damit verbundenen Überlegungen finden sich vor allem im Ersten Buch des „Novum Organum“. Man unterstellte ihm – mit einer aus dem Zusammenhang gerissenen Textstelle –, das was später in der Aufklärung die Naturwissenschaft weitgehend bestimmt hat: Er habe Naturkenntnisse nur als Instrumente der Naturbeherrschung im Interesse des Fortschritts im Blick. Eine umfassendere Sicht auf Bacons Texte lässt seine Absichten in anderem Licht erscheinen.

Der Mensch – so Bacon – könne die Natur nur dann beherrschen, wenn er sie kenne und ihr folge. Um dies zu erreichen, sei es nötig, "Grundsätze" bzw. "Prinzipien" zu finden, die das Denken unterstützen können, Zusammenhänge zwischen Ursache und Wirkung in der Natur zu erfassen. Diese Zusammenhänge sollten in Experimenten überprüft, auf neue Fälle angewendet und eventuell verändert werden. "So geht es abwechselnd bergauf und bergab von den Grundsätzen zum Tun und vom Tun zu den Grundsätzen." (NO I, Aph. 103)

Dieser differenzierten Ansicht standen zu seiner Zeit die Grundsätze der Scholastiker entgegen, die religiös motiviert und dialektisch-logisch abgeleitet worden waren. Sie wurden – ohne experimentell nachgeprüften Zusammenhang mit der wirklichen Natur der Dinge – als gegeben vorausgesetzt und als Grundlage der scholastischen Wissenschaft verwendet: diese Vorgehensweise hielt Bacon als „Methode der Antizipationen“ für ungeeignet, um in den Wissenschaften Neues bewirken zu können.[20]

Interpretation anstatt Antizipation

Der "Methode der Antizipation" stellte er seine „Methode der Interpretationen(true directions concerning the interpretation of nature) gegenüber, die auf das genaue und gründliche Nachvollziehen natürlicher Vorgänge abzielt. Die bisher angewendete antizipatorische Methode kommt allein mit logischen Schritten vorschnell – ausgehend von Einzelfällen und ohne gründliche Einbeziehung weiterer natürlicher Vorgänge – zu abstrakten Begriffen, und verharrt da. Die neue "Methode der Interpretation" geht von verschiedenen Einzelfällen der Natur aus und schließt von ihnen auf erste Verallgemeinerungen, sogenannte Kernsätze. Diese werden wieder auf andere Einzelfälle angewandt, welche die ersten Kernsätze für den Fall neuer Sachverhalte modifizieren. Diese Methode wird fortgesetzt forschend angewendet.

Sie nötigt auch zur Unterwerfung unter die Natur (Scholastische Wissenschaftler verstehen sich im biblischen Auftrag als göttlich beauftragte Herren der Natur.): „natura parendo vincitur“. (Die Natur wird besiegt, indem man sich von ihr leiten lässt.) Dazu hätten sich Wissenschaftler ihrer verschiedenen Arten von Vorurteilen zu entledigen, die Bacon Idole nennt. Vorurteile, bzw. Idole trüben wissenschaftliche Sichtweisen oder verfälschen sie, ohne dass Wissenschaftler es merken. Eine wirkliche Einsicht in den Zusammenhang der Dinge erlangen Wissenschaftler ohne Trugbilder oder Vorurteile. Eine solche Art von Forschung erzeuge ein reales, wirkliches Bild der Natur, das unter neuen Sachverhalten immer wieder aufs neue – verändert – erzeugt werden könne.[21]

Die empirische Methode

Erstens genüge es nicht, einen durch Induktion gewonnenen Schluss zu akzeptieren und immer neue, bestätigende Beispiele hierfür zu suchen. Vielmehr müsse der Forscher die unerwarteten Fälle, die negativen Instanzen mit besonderer Sorgfalt prüfen; das seien die Fälle, die eine Ausnahme von einer bisher gültigen Regel belegen. Denn in der Philosophie genüge bereits ein einziges Gegenbeispiel, die (angeblich bereits bewiesene) Wahrheit einer Folgerung zu widerlegen (damit hat er das Falsifikationsprinzip formuliert). Die Sicherheit der Erfahrung nimmt in dem Maß zu, wie es gelingt, unerwartete Erfahrungen mit zu berücksichtigen bzw. sie zu widerlegen. Die Prüfung dieser "negativen Instanzen" sollen 'leichtfertige Annahmen' verhindern.[22]

4 The Scientists
Robert Hooke und Robert Boyle, Wissenschaftler Anfang des 17. Jhs., erproben eine selbstentwickelte Pumpe für chemische Versuche.

Zweitens zeigt sich Bacon davon überzeugt, dass menschliches Wissen zunimmt, bzw. kumulativ ist. Damit distanzierte er sich von der Ansicht der Scholastiker, die davon ausgingen, alles Wesentliche, was der Mensch wissen könne, sei bereits in der Heiligen Schrift sowie in kirchlich anerkannten Werken – wie z. B. denen des Aristoteles – enthalten. Daher wurden Fakten nicht durch konkrete Anschauung geprüft, sondern mit Aussagen solcher Autoritäten belegt. Zahlreiche Gebiete, die noch wissenschaftlich erforscht werden könnten, benennt er bereits in De augmentis ... (u. a. Literaturgeschichte, Geschichte der Krankheiten, Handelswissenschaften). Die Vervollkommnung unseres Wissens zu immer höheren Graden ist ein zentrales, bis heute aktuelles Ziel, das Bacon der wissenschaftlichen Forschung vorgibt; wenn er dieses Thema behandelt, erreicht seine Rhetorik eine nahezu poetische Höhenlage.

Als Gegner spitzfindiger Diskussionen, die keine neuen Erkenntnisse bringen, setzt er drittens auf eingehende Naturbeobachtung und das Experiment – Empirie also. Mysteriöse gestaltende Wesen (formae substantiales), bzw. "Geister" dürfen nach seiner Auffassung als Erklärung für physikalische Vorgänge nicht angenommen werden, sondern nur Naturgesetze, die durch Experimente und induktive Schlussfolgerungen gefunden werden. Dabei sollen (vor allem religiöse) auf Glauben gründende Bedingungen, die außerhalb eines Experimentes liegen (fines), für Schlussfolgerungen ausgeschlossen werden.

Viertens: Wissenschaftlich brauchbare Beobachtungen müssen wiederholbar sein. Aus diesem Grunde ist er entschiedener Gegner magischer oder kabbalistischer Praktiken. Aus eben diesem Grunde ist Bacon auch kritisch gegenüber der Intuition: intuitiv bzw. durch Analogieschlüsse gewonnene Behauptungen und Meinungen gehören nicht zu einer Forschung, die systematisch experimentell arbeitet und daraus Erkenntnisse gewinnt. Bacon bleibt methodologisch konsequent der experimentellen Erfahrung treu.[23]

Fragwürdige Objektivität der Forschung

Bacons System der Idole hat ein Vorbild in Ciceros Typologie und dessen Konzeption, dass wir Menschen untereinander vier Arten von "Masken" (in zeitgenössischer wissenschaftlicher Terminologie übertragen Verhaltensweisen) tragen. Es gebe erworbene und angeborene Vorurteile; letztere seien der Natur des Intellekts eigen. Bacon unterscheidet beim Forscher vier Gruppen dieser Idole:

  1. Idola Specus (Höhlen-Trugbilder) nennt er diejenigen Idole, die sich aus den "individuellen seelischen und körperlichen Eigenarten, Erziehungselementen und Gewohnheiten" ergeben. Bacon kritisiert damit philosophische Systeme mit Hinweisen auf Vorlieben, Abneigungen, Talenten und Schwächen ihrer Autoren. Er rät deshalb zur Selbstkritik.[24]
  2. Idola Theatri (Trugbilder des Theaters/der Tradition), Irrtümer aus überlieferten, überzeugend dargelegten Lehrsätzen: „Dogmen“ oder Meinungen einer Autorität, die wir glauben, ohne zu „hinterfragen“. Dazu zählt Bacon nicht nur die unkritische Haltung der Scholastiker gegenüber „den Autoritäten“, sondern er kritisiert in diesem Zusammenhang auch die eher skeptischen Humanisten, soweit sie dogmatisch zwischen Geistes- und Naturwissenschaften trennen und die letzteren geringschätzen.
  3. Idola Fori (Trugbilder der Tribüne/des Marktes) nennt er diejenigen Irrtümer, für die unser Sprachgebrauch verantwortlich ist. Diese Idola entsprängen der Gewohnheit, an die Stelle der Dinge Worte zu setzen: sie verwechseln die konventionellen Zeichen für die Dinge mit den Dingen selbst, den Marktwert mit ihrem Realwert – womit Bacon diesmal die „Realisten“ aufs Korn nimmt. Laut Hans-Joachim Störig[25] entspringen solche „idola fori“ bzw. stereotypisierte Begriffe „aus Berührung und geselligem Verkehr der Menschen untereinander. Eine besondere Rolle spielt dabei die Sprache als das wichtigste Instrument des zwischenmenschlichen Verkehrs.“ In diesen Überlegungen finden sich somit schon Aspekte einer Sprachkritik und Ideologiekritik wie in der neueren Philosophie und Soziologie.
  4. Idola Tribus (Trugbilder der Gattung) sind für Bacon Fehler unseres Verstandes – am schwierigsten zu erkennen und zu vermeiden. Die Gattung Mensch neige naturgemäß dazu, Dinge und Vorgänge aus menschlicher Sicht zu sehen und zu beurteilen. Dabei verlören die Dinge der Natur ihre Eigentümlichkeit und würden von der Denkweise oder den Affekten des Forschers beeinflusst. Ein Beispiel ist für ihn die menschliche Neigung, plötzliche oder außergewöhnliche Vorgänge zu stark zu betonen.

Mit der Kritik an den idola tribus scheint Bacon sich der kritischen Philosophie Kants zu nähern. Für Bacon aber ist „Natur“ nicht etwas unergründbares (transzendentes), von dem im Geiste nur eine menschenmögliche Vorstellung (transzendentales) erzeugt wird, sondern etwas Objektives, dessen wahres Wesen menschlicher Verstand sehr wohl zu erkennen vermag – falls es ihm nur gelingt, sich aus dem Bann trügerischer Bilder und Schlüsse zu lösen.[26]

Bacon im historischen Kontext

Renaissance-Philosophie

Im Wesentlichen folgte Bacon mit seiner Idee zur Erneuerung der Wissenschaft von Erfahrung auszugehen einer Tendenz der Zeit. Der Unterschied zu anderen Renaissance-Wissenschaftlern ergab sich aus der jeweils verschiedenen Bedeutung von Erfahrung. Bacons Erfahrung ist sensualistische Erfahrung und schließt jede nichtsinnliche Erfahrung aus.[27]

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Labor eines Alchemisten

Für Agrippa von Nettesheim beispielsweise, einen typischen und viel gelesenen Vertreter der Renaissance-Wissenschaften, war Erfahrung dagegen eine Mischung aus sichtbaren Fakten und aus daran gebundenen, geheimen Kräften, die unsichtbar, d. h. magisch wirkten. Dass dies zutreffe, bestätige die Erfahrung. Nettesheim verwendete daher in seinem über 300 Jahre rezipierten dreibändigen Werk „De occulta philosophia“ (Über die geheimen Wissenschaften, 1510)[28] ganz selbstverständlich gängige Überzeugungen und Erfahrungen vom Wirken dieser Kräfte, um Naturphänomene zu erklären.[29]

Der Renaissance-Philosoph Paracelsus verband seine Forschungen mit dem spekulativen Konzept einer alles umfassenden Beseelung von Organischem und Anorganischem. Auch er behauptete die Wirkung dieser Allseele in der Erfahrung bestätigt zu sehen.[30]

Kritik Bacons

Aus seinem sensualistischen Ansatz entstand Bacons Kritik an Erfahrungswissenschaftlern seiner Zeit. Er lehnte diejenigen ab, die wissenschaftliche Erfahrungen mit Aberglauben und Theologie vermischten. Solche Erfahrungswissenschaftler – wie z. B. auch die Alchemisten seiner Zeit – richteten großen Schaden zum Nachteil der Menschen an.[31] Philosophen wie Paracelsus löschten das „Licht der Natur“ aus und verrieten so die „Erfahrung“, schrieb Bacon.[32] Aus seiner Sicht verhinderten solche Empiriker sogar neue Entdeckungen, weil sie vor allem ihrem Wunsch nach Gewissheit folgten und „Hals über Kopf ... zu den letzten Gründen der Dinge“ Zuflucht nähmen, anstatt ausdauernd bei Versuchen, dem Erproben von allerersten Grundsätzen auszuharren.[33]

Dagegen erläuterte Bacon, dass die Erfahrung magischer Kräfte oder anderer spekulativen Zusammenhänge zwischen den Naturphänomenen nichts weiter als Antizipationen seien, d. h. gemeinsam geteilte irrtümliche Annahmen (Vorurteile). Letztere dienten nur dazu, Einvernehmen zwischen Menschen herzustellen. Sie seien wissenschaftlich aber ohne Belang, da diese Dinge unsichtbar sind und ausschließlich auf Glauben beruhten.[34]

Diese irrtümlichen Annahmen, die idola, hält Bacon für die Folgen des Spracherwerbs in der Familie und im gesellschaftlichen Kontakt mit anderen. Es werden im gesellschaftlichen Verkehr Worte für nicht sinnlich wahrnehmbare Dinge und unklare Termini erworben, an denen Menschen dann festhalten.[35] Auch das Aneignen einer bestimmten Fachsprache im Studium und in der Ausübung der Wissenschaften führe zu irrtümlichen Annahmen und unbrauchbaren Ergebnissen. Sie sollten durch verbessertes Nachdenken, durch eine neue Logik abgebaut werden, die sich an der Sache statt an den methodischen Vorgaben von Autoritäten, wie Aristoteles und Thomas von Aquin, orientiere.[36]

Der Forscher könne, wenn man Bacon folge, wohl nur „als Kind ... in das Himmelreich“ der Wissenschaften kommen, bemerkte Feuerbach dazu. Um ein Kind zu werden, ergänzte er, müsse ein Forscher sich von allen Theorien, Vorurteilen und Autoritäten frei machen.[37]

Die Untersuchung dieser Idole sei, so Perez Zagorin, der bedeutendste und eigenständigste Beitrag Bacons zur Philosophie. Vergleichbares sei von früheren Denkern bisher nur am Rande bzw. überhaupt nicht erwähnt worden.[38]

Idealismus

Bacon beherrsche die Erfahrungsphilosophie nach ihm, schrieb Kuno Fischer. Der Naturalismus Hobbes', der Sensualismus Lockes, der Idealismus Berkeleys und der Skeptizismus Humes seien in Bacons Philosophie angelegt und prägten sich bei diesen vier Philosophen im Zuge einer notwendigen historischen Entwicklung aus, die ihre eigenständige Bedeutung relativiere. Die Frage, ob Erfahrung alle menschlichen Fragen beantworten könne, wird aus Fischers Sicht verneint.[39]

Philosophen, wie der Neukantianer Vorländer oder der Dialektiker des Weltgeistes Hegel und ihre Nachfolger gehen, wie Fischer, davon aus, dass Erfahrung den philosophischen Anforderungen einer Grundlegung der Wissenschaften nicht genüge. Vorländer vermisst bei Bacon die apriorische Begründung, wie sie von Kant geliefert worden sei und die mathematische, wie Kepler und Galilei sie entwickelt haben.[40]

Hegel fehlt in Bacons Philosophie die, von ihm erwartete, spekulativ-abstrakte Begründung. „Seine praktischen Schriften“, so schrieb er über seine Bacon-Lektüre, „sind besonders interessant; große Blicke findet man aber nicht ...“[41].

Autodidakten

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Bernard Palissy in seiner Werkstatt.

Autodidaktische Beiträge zu wissenschaftlichen und praktischen Themen vor allem von Künstlern lassen sich schon für das 15. Jahrhundert belegen. Unter ihnen waren Ghiberti, Uccello, Piero della Francesca, Leonardo und Dürer. Auch sie gingen für ihre Kunsttheorien grundsätzlich davon aus, dass sich nur durch die Erfahrung der Natur bildnerische Vorstellungen entwickelten.[42]

Möglicherweise entsprach das, was der französische Renaissance-Künstler Bernard Palissy im 16. Jh. mit Erfahrung bezeichnete, dem, was Bacon sich unter Erfahrung vorstellte. Palissy hatte – ohne schulische und universitäre Ausbildung – schon vor den Veröffentlichungen Bacons, ähnlich wie Leonardo, die eigene Erfahrung und eigenes Denken zur Maxime der Optimierung seiner vielfältigen Kenntnisse und Fertigkeiten erklärt und diese Idee publiziert.

Palissy demonstrierte seine Lernerfolge mit der neuen, empirischen Methode zwischen 1575 und 1584 vor gebildeten Vertretern der Pariser Gesellschaft in gut besuchten Vorträgen und Diskussionen. Palissy und Bacon haben sich einige Jahre lang zur gleichen Zeit in Paris aufgehalten. Möglich ist daher, dass sie sich kennengelernt haben und der fast siebzigjährige Palissy den sechzehnjährigen Bacon während eines Vortrags inspiriert hat.[43]

Rezeption

Gesamtbeurteilungen

Francis-Bacon
Francis Bacon, 1. Viscount St. Albans

Das Bild des Francis Bacon, das die Nachwelt gezeichnet hat, ist zwiespältig: Einerseits wird er als machtgierig und hinterhältig beschrieben. Bacons Handlungen lassen ihn zeitweise gegenüber dem jeweiligen Herrscher nicht nur diensteifrig, sondern geradezu unterwürfig erscheinen: so etwa im Prozess gegen seinen einstigen Förderer, den Earl of Essex (1601), oder bei dem Verfahren 1621 gegen sich selbst, in dem er sich zum Bauernopfer machen ließ. Seine philosophischen Ideen zeigen ihn andererseits als einen eigenständigen Denker, einen der „geistigen Gründerväter“ der modernen Naturwissenschaften, als Anreger vorurteilsloser experimenteller Forschung.

Dieses zwiespältige Bild findet sich u. a. bei Hegel. Bacon, so Hegel, sei trotz „der Verdorbenheit seines Charakters“ ein Mann von Geist, klar blickend und kenntnisreich gewesen. Man könne ihn als „Führer, Autorität und Urheber für das experimentierende Philosophieren“ nennen. Ihm fehle allerdings die für einen Philosophen unbedingt erforderliche Fähigkeit zur Spekulation mit abstrakten Begriffen und Gedanken.[44]

Manfred Buhr hält die zwiespältigen Beurteilungen Bacons für die Folge des irrtümlichen Denkens, dass Philosophieren eine „rein geistesgeschichtliche Bewegung“ sei. Es werden dabei deren gesellschaftliche Bedingungen ignoriert. Er bezeichnet Bacon als „wahren Stammvater des englischen Materialismus und aller modernen experimentierenden Wissenschaft“.[45]

Wolfgang Krohn charakterisiert Bacons Philosophie als eine Philosophie der Forschung. Bacon sei überzeugt gewesen, dass die Zeiten großer philosophischer Systeme vorbei seien. Nur mit experimentellen Methoden und neuen vorurteilsfreien Interpretationen der Ergebnisse könne die philosophische Welterkenntnis vorangebracht werden. Seine Vorstellungen wurden zu Leitideen der wissenschaftlichen Bewegung in England in der Mitte des 17. Jahrhunderts. Sie finden sich auch in den Gründungen der wissenschaftlichen Akademien und Gesellschaften im 17. und 18. Jahrhundert wieder.[46]

Wie Francis Bacon forderten um die Wende zum 17. Jahrhundert auch andere Renaissance-Vertreter von der Erfahrung ausgehende Forschung: Galileo Galilei in Pisa, Venedig und Florenz, Johannes Kepler in Prag, Christoph Scheiner in Ingolstadt, William Gilbert und William Harvey in London (um nur einige zu nennen) machten präzise Beobachtungen zum Ausgangspunkt ihrer Arbeiten.

Für Voltaire ist Bacon „der Vater der experimentellen Philosophie“[47] erwähnen Horkheimer und Adorno. Sie selber sehen in ihm den Vertreter einer ‚instrumentellen Vernunft‘ und damit einer vor allem auf Naturbeherrschung abzielenden Aufklärung:

Heute gilt Bacon – neben Descartes – als empirisch-rationalistischer[48] Naturphilosoph[49] und Wissenschaftstheoretiker sowie als einer der Begründer der modernen Wissenschaftsmethodik.

Kontroverse zu An Advertisement

Ein durchgängiges Merkmal der Rezeptionsgeschichte sind nicht nur Äußerungen über die Zwiespältigkeit von Bacons Charakter. Auch seinen staatspolitischen Sichten wird gelegentlich weitreichend Negatives unterstellt. Die Interpretationen seiner 1622 verfassten Schrift An Advertisement Touching an Holy War (Bekanntmachung in Angelegenheiten eines Heiligen Krieges.) – vier Jahre nachdem der Dreißigjährige Krieg begonnen hatte – behaupten Mehrdeutigkeit und Unklarheit des Bacon-Textes mit politischem Bezug. Es geht um die Frage: Hat Bacon einen Heiligen Krieg gegen Muslime befürwortet?

Bacon schildert in dem Text eine Diskussion zwischen sechs Personen. Es geht um die Frage: Lässt sich ein Heiliger Krieg rechtfertigen und wie? In der Diskussion wird auch auf konkrete Kriegsführungen in der Vergangenheit durch Christen Bezug genommen: u. a. auf die Kreuzzüge, auf die Inquisition und auf die gewaltsame Etablierung des Christentums. Ein Teilnehmer der Runde thematisiert durchgängig die Notwendigkeit eines Heiligen Krieges. Die Frage der Rechtfertigung wird nicht einvernehmlich beantwortet. Die Schrift endet mit Erläuterungen Einzelner zu ihrem Standpunkt.[50]

Interpreten haben Vermutungen darüber angestellt, welchen Standpunkt Bacon in der Frage eines möglichen Heiligen Krieges bezogen hat. Sie kamen zu verschiedenen Schlussfolgerungen. J. Max Patrick[51] glaubte, dass Bacon einen Heiligen Krieg als Lösung für innenpolitische Probleme sähe. Nabil Matar[52] meinte, dass Bacon die Protestanten dazu antreibe, einen Heiligen Krieg gegen die Muslime zu führen, um sie zu vernichten oder sie zu bekehren. Laurence Lampert[53] ist dagegen der Auffassung, dass Bacon sich gegen jede Art religiösen Fundamentalismus richte. Diese Auffassung teilt auch William Faulkner.[54] Es gehe Bacon um den Krieg der Aufklärung gegen die Religion und letztlich – so Faulkner – um die Befreiung der Menschheit aus den Fesseln der Religion.[55]

Eine andere noch weitergehende Interpretation in dieser Frage stammt von Peter Linebaugh und Marcus Rediker[56]. Die beiden Historiker konstruieren einen Zusammenhang zwischen Bacons Advertisement und ihrer Absicht eine neue Geschichte der Eroberung des Atlantiks im 17. Jahrhundert aus dem Blickwinkel der Unterdrückten und Rebellierenden zu schreiben. Dabei unterstellen sie Bacon eine – aus ihrer Hypothese sich ergebende – „Theorie der Monstrosität“. In der Folge dieser Hypothese verwenden sie das Advertisement als durchgängiges Argument um ihre Interpretation zu stützen. Sie behaupten, Bacon habe vorgeschlagen, Westinder, Kanaaniter, Piraten, Mörder und Wiedertäufer zu vernichten[57]. Resultat ihrer Interpretation: In dem Kampf um die Eroberung des Atlantikraums zwischen Mächtigen (Herkules) und der Rebellion von unten (Hydra) habe sich Bacon mit seinem Text auf die Seite der Mächtigen gestellt. Er habe so die intellektuelle Grundlage für „eine eigene Semantik (wie)... Unterwerfung, Ausrottung, Beseitigung, Vernichtung, Liquidierung, Ausmerzung Auslöschung“ geschaffen. (S. 14)[58]

Es gibt Verurteilungen Bacons in verschiedenen anderen Fällen, wie dem Prozess des Earls of Essex oder der Anklage gegen ihn selbst. Es gibt keine rechtfertigenden Äußerungen von ihm dazu. Als möglichen Kommentar Bacons könnte man ein Bemerkung aus seinem Essay Über Anhänger und Freunde verwenden: Einer, dessen Interpreten ihn deshalb schätzen, weil er „jedermanns Verdienst und Wert zu schätzen weiß“, hat die besten Interpreten.[59]

Siehe auch

Literatur

Werke

  • De dignitate et augmentis scientiarum oder Über die Würde und den Fortgang der Wissenschaften (1605)
  • De sapientia veterum. London 1609
  • Novum Organum scientiarum oder Novum Organon (London 1620)
  • Instauratio magna (engl.: The Great Instauration) (1620)
  • An Advertisement Touching an Holy War. London, 1622
  • History of the reign of Henry VII. London, 1622
  • Essays oder Praktische und Moralische Ratschläge (1597 und 1625)
  • Nova Atlantis (engl.: New Atlantis) (1626)
  • Sylva sylvarum. London 1627
  • Neues Organon. Erste deutsche Übersetzung von G. W. Bartoldy, 2 Bde., Berlin 1793.
  • Neues Organon. Deutsche Übersetzung von J. H. v. Kirchmann. Berlin, 1870.

Neuere Ausgaben

  • The Works, 14 Vol., collected and edited by James Spedding, Robert Leslie Ellis and Douglas Denon Heath. London 1857–1874. Reprint: Frommann-Holzboog, Stuttgart-Bad Cannstatt 1961, ISBN 978-3-7728-0023-8
  • Das Neue Organon. Deutsche Übersetzung von R. Hoffmann und G. Korf, hrsg. von Manfred Buhr. Berlin/Leipzig 1962.
  • The Oxford Francis Bacon [OFB], General Editors: Graham Rees and Lisa Jardine
  • (1996), vol. VI, ed. G. Rees: Philosophical Studies c. 1611–1619
  • (2000), vol. IV, ed. M. Kiernan: The Advancement of Learning
  • (2004), vol. XI, ed. G. Rees and M. Wakely: The Instauratio Magna: Part II. Novum Organum
  • (2000), vol. XIII, ed. G. Rees: The Instauratio magna: Last Writings
  • (2000), vol. XV, ed. M. Kiernan, The Essayes or Counsels, Civill and Morall.
  • Neues Organon. Lateinisch-deutsch, hrsg. von Wolfgang Krohn. 2 Bde., Philosophische Bibliothek, Band 400a und 400b. Meiner, Hamburg 1990, ISBN 978-3-7873-0757-9 und 978-3-7873-0758-6
  • The Major Works, Oxford University Press, 2002, ISBN 0-19-284081-9 (preisgünstige umfangreiche Auswahl)
  • Neu-Atlantis, übers. von Günther Bugge, hrsg. von Jürgen Klein. Ditzingen 2003: Reclam, ISBN 3-15-006645-X
  • Essays oder praktische und moralische Ratschläge, übers. von E.Schücking, hrsg. von L.L. Schücking, Nachwort von Jürgen Klein. Ditzingen : Reclam, 2005, ISBN 3-15-008358-3

Sekundärliteratur

  • Hans Peter Balmer: Condicio humana oder Was Menschsein besage. Moralistische Perspektiven praktischer Philosophie. readbox unipress, Münster 2018, S. 107–114, ISBN 978-3-95925-067-2. (Open-Access: http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bvb:19-epub-41154-9)
  • Friedrich Wilhelm BautzBACON, Francis. In: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon (BBKL). Band 1, Bautz, Hamm 1975. 2., unveränderte Auflage Hamm 1990, ISBN 3-88309-013-1, Sp. 330–331.
  • Ludwig Feuerbach: Geschichte der neuern Philosophie von Bacon bis Spinoza. Leipzig 1976, S. 26–78. Online-Text
  • Kuno Fischer: Francis Bacon und seine Nachfolger. Entwicklungsgeschichte der Erfahrungsphilosophie. 2. völlig umgearbeitete Auflage, Leipzig 1856.
  • Stephen Gaukroger: Francis Bacon and the Transformation of Early-Modern Philosophy. Cambridge University Press, 2001.
  • Georg Wilhelm Friedrich Hegel: Bacon von Verulam. In: Werke in zwanzig Bänden. Band 20, Frankfurt am Main 1979, S. 74–91. Online-Text
  • Jürgen Klein: Francis Bacon oder die Modernisierung Englands. Olms, Hildesheim 1987, ISBN 3-487-07944-5.
  • Wolfgang Krohn: Francis Bacon. 2. Auflage. C. H. Beck, München 2006, ISBN 3-406-54113-5 (Einführung).
  • Steven Matthews: Theology and Science in the Thought of Francis Bacon. Ashgate, 2008, ISBN 0-7546-6252-7.
  • Markku Peltonen (Hrsg.): The Cambridge Companion to Bacon. Cambridge University Press, 1996.
  • Wolfgang Röd: Die Philosophie der Neuzeit I. Von Francis Bacon bis Spinoza. München 1999. S. 21–39.
  • Julie Robin Solomon: Objectivity in the Making: Francis Bacon and the Politics of Inquiry. The Johns Hopkins University Press, 2002, ISBN 0-8018-7249-9.
  • Barbara I. Tshisuaka: Bacon, Francis. In: Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin/ New York 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 128.
  • Perez Zagorin: Francis Bacon. Princeton University Press, 1999, ISBN 0-691-00966-X.

Weblinks

Werke
Sekundärliteratur

Einzelnachweise

  1. Matilda Betham: A biographical dictionary of the celebrated women of every age and country. B. Crosby and Co., London 1804 (si.edu).
  2. Vgl. zu den vorstehenden Abschnitten: Wolfgang Krohn. Francis Bacon. S. 15–18.
  3. Jürgen Klein: Francis Bacon. The Stanford Encyclopedia of Philosophy (Winter 2016 Edition), Edward N. Zalta (ed.), Abschnitt Biographie. Online-Text.
  4. Krohn, Francis Bacon, S. 30–32. – Zagorin, Francis Bacon, S. 16f.
  5. Rictor Norton: „Sir Francis Bacon“. The Great Queens of History, aktualisiert am 8. Januar 2000 (Memento vom 24. August 2007 im Internet Archive)
  6. William Arthur Shaw: The Knights of England. Band 2, Sherratt and Hughes, London 1906, S. 114.
  7. Linebaugh, Peter; Rediker, Marcus: Die vielköpfige Hydra. Die verborgene Geschichte des revolutionären Atlantiks. 2008, Berlin/Hamburg, S. 75
  8. Nieves Mathews: Francis Bacon: The History of a Character Assassination. Yale University Press, New Haven / London 1996, ISBN 978-0-300-06441-4, S. 288.
  9. Vgl. Jan Rothkamm: Institutio oratoria: Bacon, Descartes, Hobbes, Spinoza, Brill, Leiden 2009, S. 41.
  10. Wolfgang Krohn: Francis Bacon, S. 53–56.
  11. Sabine Kalff: Politische Medizin der Frühen Neuzeit. Berlin/Boston 2014, S. 253.
  12. Francis Bacon Biography.com
  13. Informationen zu Mrs Henry Pott und Francis Bacon and His Secret Society (englisch).
  14. Shakespeare & The Authorship Question. A fascinating ongoing problem, not a foregone conclusion.
  15. Karl Vorländer: Geschichte der Philosophie. Band 1, 5. Aufl., Leipzig 1919, S. 342. Online-Text
  16. Vgl. Kuno Fischer: Franz Baco von Verulam. Die Realphilosophie und ihr Zeitalter. Leipzig 1856. S. 171–181.
  17. Vgl. Tino Licht: Zu Entstehung und Überlieferung der Nova Atlantis des Francis Bacon anläßlich ihrer Neuausgabe (Mailand 1996). In Hermann Wiegand: Strenae nataliciae. Neulateinische Studien Heidelberg 2006 S. 113–126, ibs. 116f.
  18. Vgl. Jürgen Klein: Nachwort zu Francis Bacon: Essays. Hrg. Levin L. Schücking. Stuttgart 2011, S. 215.
  19. Tino Licht: Zu Entstehung und Überlieferung der Nova Atlantis des Francis Bacon anläßlich ihrer Neuausgabe, S. 117.
  20. Vgl. für die vorstehenden Abschnitte: Wolfgang Krohn: Francis Bacon. S. 95f.
  21. Vgl. Wolfgang Krohn: Francis Bacon. S. 98–100.
  22. Vgl. Kuno Fischer: Franz Baco von Verulam. Leipzig 1856, S. 100.
  23. Siegfried Gehrmann: Natur, Erfahrung, Experiment. Francis Bacon und die Anfänge der modernen Naturwissenschaft. ESSENER UNIKATE 16/2001, S. 53–63 (PDF; 187 kB)
  24. Krohn: Francis Bacon, S. 108f.
  25. Hans-Joachim Störig: Kleine Weltgeschichte der Philosophie, 1987, S. 306
  26. Vgl. für Bacons Idolenlehre: Wolfgang Krohn: Francis Bacon. S. 100–115.
  27. Kuno Fischer: Francis Bacon und seine Nachfolger: Entwicklungsgeschichte der Erfahrungsphilosophie, 2. Aufl. Leipzig 1875, S. 512–514.
  28. Deutsche Ausgabe unter dem Titel „Die magischen Werke von Agrippa von Nettesheim“ (1855) unter als PDF zum Download.
  29. Paul Richard Blum: Pico della Mirandola und Agrippa von Nettesheim: Von der Magie zur Wissenschaft. Im: Brockhaus, Kunst und Kultur. Leipzig/Mannheim 1997.
  30. Johannes Hirschberger: Geschichte der Philosophie, Bd.II. Lizenzausgabe des Herder-Verlages, Frechen, o. J. S. 23–29.
  31. Bacon, Novum Organum, §§ 63 – 69.
  32. Zit. bei Ludwig Feuerbach: Geschichte der neuern Philosophie von Bacon bis Spinoza. Leipzig 1976, S. 42. Online-Text
  33. Bacon: Novum Organum I, §§64,70.
  34. Bacon, Novum Organum I, §§ 26–30. – Jürgen Trabant: Europäisches Sprachdenken: von Platon bis Wittgenstein. München 2003, S. 123–125.
  35. Vgl. Vorländer, Geschichte der Philosophie. Bd. 1, S. 343 Online-Text.
  36. Vgl. Bacon: Novum Organum I, §§18,44. – Wolfgang Röd: Die Philosophie der Neuzeit I. Von Francis Bacon bis Spinoza. München 1999. S. 25–28.
  37. Ludwig Feuerbach: Geschichte der neuern Philosophie von Bacon bis Spinoza. Leipzig 1976, S. 46. Online-Text.
  38. Perez Zagorin: Francis Bacon. Princeton (USA) 1998, S. 82.
  39. Kuno Fischer: Francis Bacon und seine Nachfolger: Entwicklungsgeschichte der Erfahrungsphilosophie, 2. Aufl. Leipzig 1875, S. 509–516.
  40. Karl Vorländer: Geschichte der Philosophie. Band 1, Leipzig 5. Aufl., 1919, S. 48.
  41. Georg Wilhelm Friedrich Hegel: Werke in zwanzig Bänden. Band 20, Frankfurt am Main 1979, S. 90. Online-Text.
  42. Heinrich F. Plett (Hg.): Renaissance-Rhetorik. Berlin/New York 1993, S. 273f.
  43. Alexander Bruno Hanschmann: Bernhard Palissy, der Künstler, Naturforscher und Schriftsteller. Leipzig 1903, S. 51–55. PDF Download – Krohn, Francis Bacon, S. 18f.
  44. Georg Wilhelm Friedrich Hegel: Werke in zwanzig Bänden. Band 20, Frankfurt am Main 1979, S. 74–91; ibs. S. 91. Online-Text
  45. Vgl. Manfred Buhr im Kommentar zu: Das neue Organon, S. VII.
  46. Wolfgang Krohn: Francis Bacon. S. 9–14.
  47. Lettres philosophiques XII. OEuvres complètes. Ed. Garnier, Paris 1879, Bd. XXII, S. 118, zit. nach Max Horkheimer/Theodor W. Adorno: Dialektik der Aufklärung. Amsterdam 1947, S. 13.
  48. Werner Gerabek: Der Mensch – eine Maschine? Bemerkungen zur Anthropologie des 18. Jahrhunderts. In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen 6, 1988, S. 35–52; hier: S. 38
  49. Vgl. auch J. Boss: The medical philosophy of Francis Bacon (1561–1626). In: Med. Hypotheses. Band 4, 1978, S. 208–220.
  50. Vgl. Laurence Lampert: Nietzsche and Modern Times: A Study of Bacon, Descartes, and Nietzsche. New Haven/London 1993.
  51. Hawk.vs.Dove: Francis Bacons Advocacy of Holy War. Studies in the Literary Imagination 4, no. 1, April 1971, S. 168.
  52. Turks, Moors, and Englishmen in the Age of Discovery. New York 1999.
  53. Nietzsche and Modern Times: A Study of Bacon, Descartes, and Nietzsche. New Haven/London 1993.
  54. Francis Bacon and the Project of Progress. Maryland/USA 1993.
  55. Vgl. zum vorstehenden Abschnitt: Brinda Charry: Martydom and Modernity: The Discours of Holy War in the Works of John Foxe and Francis Bacon. In: Sohail H. Hashmi (ed.): Just Wars, Holy Wars, and Jihads: Christian, Jewish and Muslim Encounters and Exchanges. New York 2012, S. 167–189.
  56. Peter Linebaugh und Marcus Rediker: Die vielköpfige Hydra. Die verborgene Geschichte des revolutionären Atlantiks. Berlin 2008.
  57. Linebaugh und Rediker, a.o.a.O., S. 61–69, 91, 137, 341.
  58. David Armitage: Review: The Red Atlantic. In: Reviews in American History, Vol. 29, No. 4 (Dec., 2001), S. 479–486.
  59. Bacon: Über Anhänger und Freunde. In: Essays. Stuttgart 2005, S. 165f.
(2940) Bacon

(2940) Bacon ist ein Asteroid des Hauptgürtels, der am 24. September 1960 vom niederländischen Forscherteam Cornelis Johannes van Houten, Ingrid van Houten-Groeneveld und Tom Gehrels im Rahmen des Palomar-Leiden-Surveys entdeckt wurde.

Der Name des Asteroiden erinnert an den britischen Philosophen und Staatsmann Francis Bacon.

David Sylvester

Anthony David Bernard Sylvester CBE, (* 21. September 1924 in London; † 19. Juni 2001 ebenda) war ein englischer Autor, Kunstkritiker und Kurator. Er war ein Vordenker der modernen Kunst in Großbritannien und förderte die Künstler Francis Bacon und Lucian Freud. Sylvester prägte den Begriff Kitchen Sink Realism (Spülbecken-Realismus).

Ein Brief

Ein Brief, auch Brief des Lord Chandos an Francis Bacon oder Chandos-Brief genannt, ist ein Prosawerk des österreichischen Schriftstellers Hugo von Hofmannsthal. Es wurde im Sommer 1902 verfasst und erschien am 18. und 19. Oktober 1902 in zwei Teilen in der Berliner Zeitung Der Tag.

Zentrale Themen des fiktiven Briefs sind die Kritik der Sprache als Ausdrucksmittel und die Suche nach einer neuen Poetik. Der Chandos-Brief gilt darüber hinaus als eines der wichtigsten literarischen Dokumente der kulturellen Krise um die Jahrhundertwende. Er wurde zum Gegenstand zahlloser Interpretationen in der Literaturwissenschaft.

Francis B. Crocker

Francis Bacon Crocker (* 1861; † 1921) war ein US-amerikanischer Elektrotechniker.Er studierte bis 1882 an der School of Mines of Columbia University und erwarb 1895 seinen Ph.D. in Elektrotechnik.

1883 gründete er mit Charles G. Curtis die Firma Curtis & Crocker zum Bau von Elektromotoren.

1888 gründete er mit Schuyler S. Wheeler die Firma Crocker & Wheeler.

Er engagierte sich für die Standardisierung von Elektroanlagen und -ausrüstung.

1920 half er Peter Cooper-Hewitt bei seinem Hubschrauber.

Francis Bacon (Maler)

Francis Bacon (* 28. Oktober 1909 in Dublin; † 28. April 1992 in Madrid) war ein in Irland geborener britischer Maler. Francis Bacon gehört zu den bedeutendsten gegenständlichen Malern des 20. Jahrhunderts. In seinen Werken setzte er sich vornehmlich mit der Darstellung des deformierten menschlichen Körpers in eng konstruierten Räumen auseinander. Besonders bekannt ist Bacon für seine Papstbilder, Kreuzigungsdarstellungen und Porträts seiner engsten Freunde. Seine ungeschönten Figuren und gewagten Darstellungen sind oftmals grotesk und emotionsgeladen. Bacon sprach oft davon, dass er „in Serien“ dachte, wobei er sich normalerweise über einen längeren Zeitraum hinweg auf ein einziges Subjekt konzentrierte und dieses häufig in Form eines Triptychons oder Diptychons ausführte. Seine Arbeiten können gemeinhin als eine Sequenz oder Variation eines einzelnen Motivs beschrieben werden.

Als Autodidakt begann er Ende der 1920er Jahre mit der Malerei, nachdem er zuvor als Innenausstatter gearbeitet hatte. Berüchtigt für sein Leben als bon vivant und seine Spielsucht, gelang ihm 1944 jedoch der Durchbruch als Künstler mit dem Triptychon Drei Studien zu Figuren am Fuße einer Kreuzigung (Tate Britain, London). Seit der Mitte der 1960er Jahre beschäftigte er sich insbesondere mit Porträts von seinen Freunden und Trinkgefährten. Nachdem sich 1971 sein Liebhaber George Dyer das Leben nahm, wurde seine Kunst zunehmend düster, nach innen gerichtet und setzte sich mit dem Lauf der Zeit und dem Tod auseinander. Der Höhepunkt seines Spätwerks wird von einer Vielzahl von Meisterwerken bezeichnet, wie u. a. Studie für ein Selbstporträt – Triptychon, 1985–86 (Marlborough Fine Art, London).

Ungeachtet seiner existentialistischen Einstellung war Bacon höchst charismatisch, einnehmend, belesen und wortgewandt, wie aus den Interviews und Gesprächen mit David Sylvester hervorgeht. Kunstkritiker Robert Hughes hat ihn als den unfehlbarsten und lyrischen englischen Künstler des 20. Jahrhunderts beschrieben und ihn nebst dem Künstler Willem de Kooning als einen der einflussreichsten Maler der beunruhigenden menschlichen Figur in den 1950ern bezeichnet.

Heuristik

Heuristik (altgr. εὑρίσκω heurísko „ich finde“; von εὑρίσκειν heurískein ‚auffinden‘, ‚entdecken‘) bezeichnet die Kunst, mit begrenztem Wissen (unvollständigen Informationen) und wenig Zeit dennoch zu wahrscheinlichen Aussagen oder praktikablen Lösungen zu kommen. Es bezeichnet ein analytisches Vorgehen, bei dem mit begrenztem Wissen über ein System mit Hilfe mutmaßender Schlussfolgerungen Aussagen über das System getroffen werden. Die damit gefolgerten Aussagen weichen von der optimalen Lösung ab. Durch Vergleich mit einer optimalen Lösung kann die Güte der Heuristik bestimmt werden.

Bekannte Heuristiken sind zum Beispiel Versuch und Irrtum (trial and error), statistische Auswertung von Zufalls-Stichproben und das Ausschlussverfahren. Heuristische Verfahren basieren auf Erfahrungen; sie können auch auf „falschen“ Erfahrungen (z. B. verzerrte Wahrnehmung, Scheinkorrelation) basieren.

Kinetische Gastheorie

Die kinetische Gastheorie (früher auch dynamische Gastheorie) ist ein Teilgebiet der statistischen Mechanik.

Die kinetische Gastheorie erklärt die Eigenschaften von Gasen, insbesondere die Gasgesetze, durch die Vorstellung, dass Gase aus einer sehr großen Anzahl kleiner Teilchen (Atome oder Moleküle) bestehen, die in ständiger Bewegung sind (gr. κίνησις kínesis „Bewegung“). Die Theorie führt zu einer mikroskopischen Erklärung der Eigenschaften von Temperatur und Wärme, die in der Thermodynamik durch ihre makroskopischen Eigenschaften definiert sind.Schon im 17. Jahrhundert vermuteten Physiker wie Francis Bacon, dass Wärme eine Form der Bewegung ist. Der Erste, der eine vollständigere Theorie entwarf war Daniel Bernoulli 1738. Ihm folgten u. a. Michail Wassiljewitsch Lomonossow, Georges-Louis Le Sage, John Herapath und John James Waterston, jedoch wurden deren Überlegungen weitgehend ignoriert. Erst ab 1860 fand die kinetische Gastheorie durch die Arbeiten von Physikern wie Rudolf Clausius, James Clerk Maxwell und Ludwig Boltzmann breitere Anerkennung. Gleichzeitig wurde die kinetische Gastheorie aber auch heftig bestritten, sogar noch bis ins 20. Jahrhundert hinein u. a. durch Ernst Mach und Wilhelm Ostwald, da sie vollständig von der damals als Hypothese betrachteten Existenz der Atome oder Moleküle abhängt.Die wichtigsten Grundannahmen der Theorie sind:

Die Teilchen eines Gases (Atome, Moleküle) sind von vernachlässigbarer Größe und ständig in ungeordneter, aber statistisch fassbarer Bewegung.

Zwischen ihren Zusammenstößen bewegen sie sich gleichförmig und unabhängig voneinander, ohne Bevorzugung einer Richtung.

Die Teilchen üben keine Kräfte aufeinander aus, solange sie sich nicht gegenseitig berühren.

Zusammenstöße der Teilchen untereinander und mit der Gefäßwand gehorchen dem Gesetz des elastischen Stoßes. Bei den Zusammenstößen sind immer nur zwei Teilchen involviert.Aus diesen Annahmen entwickelt die kinetische Gastheorie Formeln, die für ein ideales Gas die Größen Druck, spezifische Wärme, Schallgeschwindigkeit, Diffusion, Wärmeleitung und innere Reibung vorhersagen. Die Formeln geben die Beobachtungen an vielen wirklichen Gasen gut wieder und führten beispielsweise zu ersten Bestimmungen der Größe, Anzahl und Masse der Atome bzw. Moleküle. Durch ergänzende Zusätze zu den Annahmen Nr. 3 und 4 wurde auch das abweichende Verhalten realer Gase in die kinetische Gastheorie einbezogen, wie es z. B. in der van der Waalsschen Zustandsgleichung beschrieben wird.

Kunsthalle Mannheim

Die Kunsthalle Mannheim ist ein Museum für moderne und zeitgenössische Kunst in Mannheim.

Die Kunsthalle Mannheim prägt seit über 100 Jahren das kulturelle Leben der Industriestadt am Rhein. Deutschlandweit zählt sie mit Werken von Édouard Manet bis Francis Bacon und einem Skulpturenschwerpunkt – im Spektrum von Auguste Rodin und Wilhelm Lehmbruck über Henry Moore und Marino Marini bis zu Mario Merz und Richard Long – zu den angesehensten bürgerschaftlichen Sammlungen der deutschen und internationalen Moderne bis zur Gegenwart.

Am 1. Juni 2018 wurde der Erweiterungsbau offiziell eröffnet.

Lloyd Bacon

Lloyd Francis Bacon (* 4. Dezember 1889 in San José, Kalifornien; † 15. November 1955 in Burbank, Kalifornien) war ein US-amerikanischer Schauspieler und Regisseur.

Lothar Schäfer

Lothar Schäfer (* 1934) ist ein deutscher Philosoph. Von 1976 bis zu seiner Emeritierung war er Professor für Philosophie an der Universität Hamburg.

Sein bekanntestes Werk ist Das Bacon-Projekt. Darin beurteilt er das Ideal von Francis Bacon kritisch und erhebt den allgemeinen Benefit als Ökonomiepräferenz gegenüber dem reinen Profit. Von technischen Neuerungen fordert er, dass sie dem allgemeinen Benefit der Menschen dienen.

Museum Bochum – Kunstsammlung

Das Museum Bochum – Kunstsammlung (auch Kunstmuseum Bochum genannt) wurde 1960 in der Villa Marckhoff-Rosenstein eröffnet und durch einen Neubau der dänischen Architekten Jørgen Bo und Vilhelm Wohlert im Jahre 1983 erweitert. Die Sammlung umfasst Kunstwerke aus dem 20. Jahrhundert, unter anderem von Francis Bacon oder Roberto Matta.

Die Doppelvilla Marckhoff-Rosenstein wurde 1900 im Stil des Historismus erbaut und lange Zeit von den einflussreichen Familien Rosenstein und Marckhoff bewohnt. Gemeinhin wird gesagt, dass die Fassade der Villa in ihrem Kompositionsschema der (alten) Pariser Oper, der sogenannten Opéra Garnier, nachempfunden sei. Tatsächlich ist der Bau in Ausführung und Formensprache eng verwandt mit dem von Hermann Otto Pflaume erbauten Bankgebäude (1860–1863) des Schaaffhausen’schen Bankvereins in Köln. Die Bank spielte 1854 bei der Umwandlung der Firma Mayer & Kühne in die Aktiengesellschaft „Bochumer Verein für Bergbau und Gußstahlfabrikation“ eine wichtige Rolle. Während des Zweiten Weltkriegs erlitt die Villa starke Schäden, wurde aber schon bald instand gesetzt. Um 1960 wurde das Gebäude von der Stadt erworben.

Der nach dem Krieg neu errichtete Dachstuhl belastete die Außenwände zu sehr. Im Februar 2003 rief die Bochumer Privatbrauerei Moritz Fiege die „Initiative Villa Marckhoff“ zur Sanierung der Fassade ins Leben.

Seit März 2014 wird das Museum und die Villa in der Route der Industriekultur, Themenroute Bochum aufgelistet.

Seit 1997 ist der promovierte Kunsthistoriker Hans Günter Golinski Direktor des Museums.

Gegenüber dem Museum befindet sich der Bochumer Stadtpark mit Kunstobjekten aus Stahl.

Nova Atlantis

Nova Atlantis bzw. New Atlantis, deutsch Neu-Atlantis, ist der Titel eines fragmentarischen utopischen Werkes von Francis Bacon. Es erschien 1627 – ein Jahr nach dem Tod des Verfassers – in neulateinischer Sprache. Bacon legte darin unter anderem seine Vorstellung eines modernen Forschungsinstituts nieder. Nova Atlantis ist die erste neuzeitliche Utopie, die sich sowohl im Titel als auch im Text explizit auf Platons Atlantis beruft. Jedoch hatten bereits zuvor einige Autoren wie etwa Thomas Morus (Utopia) oder Tommaso Campanella (La città del Sole) Platons Beschreibung als Vorbild für ihre utopischen Werke genommen. Bacon erhebt Atlantis dabei zum historischen Fakt, um der eigenen Geschichte mehr Glaubwürdigkeit zu geben. Er identifiziert Atlantis – einer zu seiner Zeit weit verbreiteten Ansicht (etwa bei Las Casas oder Fracastoro) folgend – mit Amerika. Dieses „alte Atlantis“ sei einst in der von Platon beschriebenen Katastrophe untergegangen, jedoch hätten sich einige Bewohner auf das „neue Atlantis“, die (fiktive) Südseeinsel Bensalem retten können.

Novum Organum

Das Novum organum scientiarum (dt. ‚Neues Werkzeug der Wissenschaften'), in deutscher Übersetzung Neues Organon, ist das wissenschaftstheoretische philosophische Hauptwerk von Francis Bacon, das in Latein verfasst und 1620 in England veröffentlicht wurde. Es gilt als Wendepunkt in der Kulturgeschichte zwischen mittelalterlichem Denken und neuzeitlicher methodischer Forschung, die auf Fortschritt und damit Gemeinwohl ausgerichtet ist.

Als Idolenlehre wird das in diesem Werk von Francis Bacon 1620 entwickelte erkenntniskritische Konzept des Empirismus bezeichnet. Mit diesem Vorgehen sollen Trugschlüsse und naive Naturverständnisse vermieden werden. Im wissenschaftlichen Sinne sollen die Ereignisse kognitiv geordnet werden mit dem Ziel die Welt zu verstehen und Regeln zu entwickeln.

Porträt von Francis Bacon

Porträt von Francis Bacon ist ein Gemälde von Lucian Freud, das zwischen 1951 und 1952 entstanden ist. Es zeigt Freuds Freund, den Maler Francis Bacon im Alter von 43 Jahren. Das Bild wurde 1988 aus einer Ausstellung in der Berliner Neuen Nationalgalerie gestohlen und ist seitdem verschollen.

Study of a Baboon

Study of a Baboon (Studie eines Pavians) ist ein Ölgemälde des britischen Malers Francis Bacon aus dem Jahre 1953. Momentan befindet sich die Arbeit im MoMA in New York. Die Leinwand hat eine Größe von 198 auf 137 cm. Wie die meisten Arbeiten Bacons ist sie nicht gefirnisst, sondern hinter Glas gerahmt.

Three Studies of Isabel Rawsthorne 1967

Three Studies of Isabel Rawsthorne aus dem Jahr 1967 ist ein Gemälde von Francis Bacon. Es wurde mit Öl auf Leinwand gemalt und hat die Maße 119,5 × 152,5 cm. Das Werk befindet sich seit 1968 in der Neuen Nationalgalerie in Berlin.

Triptych, 1976

Triptych, 1976 ist ein Triptychon, das 1977 von Francis Bacon gemalt wurde.

Der mittlere Teil zeigt eine kopflose menschliche Figur, die von Geiern eingekreist wird. Die Seiten zeigen zwei entstellte menschliche Gesichter.

Walter Conrad Arensberg

Walter Conrad Arensberg (* 4. April 1878 in Pittsburgh, Pennsylvania; † 29. Januar 1954 in Los Angeles, Kalifornien) war ein US-amerikanischer Literaturwissenschaftler, Kryptoanalytiker und Kunstsammler.

Gemeinsam mit seiner Frau Louise (* 1879 als Mary Louise Stevens in Dresden; † 25. November 1953) gehörte er zu den wichtigsten Sammlern präkolumbianischer und moderner Kunst in den Vereinigten Staaten. Die aus ihrem Nachlass resultierende Louise and Walter Arensberg Collection des Philadelphia Museum of Art, Philadelphia umfasst zahlreiche bedeutende Werke der modernen Kunst, darunter einige der signifikantesten Arbeiten von Marcel Duchamp.

William-Shakespeare-Urheberschaft

William-Shakespeare-Urheberschaft behandelt die seit dem 18. Jahrhundert geführte Debatte, ob die William Shakespeare (1564–1616) aus Stratford-upon-Avon zugeschriebenen Werke in Wirklichkeit von einem anderen Autor oder von mehreren Autoren geschrieben wurden.

Zweifler an William Shakespeares Urheberschaft führen an, dass es an konkreten Beweisen dafür mangele, dass der Schauspieler und Geschäftsmann aus Stratford auch für das literarische Werk verantwortlich zeichnet, das seinen Namen trägt. Es gebe allzu große Lücken in den historischen Aufzeichnungen seines Lebens und es sei kein an ihn oder von ihm geschriebener Brief erhalten oder bekannt. Sein detailliertes Testament erwähne keine seiner Geschäftsanteile, die er am Globe- und Blackfriars Theatre besaß, es erwähne auch keine Bücher, Stücke, Gedichte oder andere Schriften von seiner Hand.

In der Tat ist fast nichts über seine Persönlichkeit bekannt, und obwohl manches über die historische Person aus seinen Stücken indirekt erschließbar sein mag, bleibt er aufgrund eines Mangels an soliden lebensweltlichen Informationen über ihn selbst eine rätselhafte Person. John Michell notierte in Who Wrote Shakespeare (1996), dass „die bekannten Fakten über Shakespeares Leben … auf einem Blatt Papier niedergeschrieben werden könnten“. Er zitierte auch Mark Twains satirischen Kommentar dazu in Is Shakespeare dead? (1909).

Literaturwissenschaftler betrachten diesen Mangel an Information als nicht weiter erstaunlich angesichts der weit zurückliegenden Lebenszeit und der allgemein lückenhaften Dokumentation über das Leben nichtadliger bzw. nicht zur Oberschicht gehörender Personen aus jener Zeit. Sie weisen darauf hin, dass die historischen Informationen über viele andere Personen des Elisabethanischen Theaters lückenhaft seien. Deshalb spielt die Debatte in der seriösen Literaturwissenschaft keine bedeutende Rolle. Stephen Greenblatt, einer der führenden Shakespeare-Experten, schrieb etwa 2005, dass es einen „überwältigenden wissenschaftlichen Konsens“ in der Frage der Autorschaft gebe.Ein anderer oft erwähnter Grund für Zweifel ist die in den Shakespeare-Werken erkennbare allgemeine Bildung, die der Autor gehabt haben müsse, dokumentiert vor allem durch den gewaltigen Wortschatz von circa 29.000 verschiedenen Wörtern, beinahe sechsmal so viel wie die in der King-James-Bibel, die mit 5.000 verschiedenen Wörtern auskommt. Viele Kritiker erachten es als schwierig anzunehmen, ein Mensch des 16. Jahrhunderts aus einer sozialen Schicht unterhalb des Hochadels könne nach der historisch erkennbaren Schulausbildung, die Shakespeare genoss, so versiert in der englischen oder gar in Fremdsprachen gewesen sein, erkennbar vor allem daran, dass die Werke Fachvokabular etwa aus den Bereichen Politik, Juristerei oder Gartenbaukunst enthalten. Es gebe keine Beweise für den Besuch wenigstens einer Grammar School oder gar einer Universität. Urheberschaftszweifler glauben deshalb, dass die verfügbaren Informationen über Shakespeares Leben keinen ausreichenden Beweis dafür liefern, dass der historische Theatermann Shakespeare aus Stratford in der Lage war, die ihm zugeschriebenen Werke zu verfassen. Sie schlagen deshalb vor, dass andere, besser geeignete Personen dieser Zeitperiode als wahrscheinlichere Urheber der Werke Shakespeares in Betracht gezogen werden müssten, und gehen davon aus, dass Shakespeare nur eine Art „Strohmann“ („frontman“) für den wahren Autor war, der anonym bleiben wollte (oder musste).

Annähernd 200 Jahre war Francis Bacon der führende Alternativkandidat. Daneben wurden verschiedene andere Kandidaten vorgeschlagen, darunter Christopher Marlowe, William Stanley, 6. Earl of Derby und Edward de Vere, 17. Earl of Oxford. Als die unter den Antistratfordianern im 20. Jahrhundert populärste Theorie entwickelte sich die Auffassung, dass Shakespeares Werke von Edward de Vere geschrieben sein könnten. Obwohl von der klassischen Literaturwissenschaft bisher alle Theorien für Alternativkandidaten verworfen wurden, hat das Interesse an der Autorschaftsdebatte besonders unter unabhängigen Wissenschaftlern, Theater-Professionellen und Nichtphilologen (so etwa finden sich Friedrich Nietzsche, Otto von Bismarck und Sigmund Freud unter den bekannteren Zweiflern) zugenommen, ein Trend, der sich auch im 21. Jahrhundert fortsetzt.

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