Athanasius Kircher

Athanasius Kircher (latinisiert auch: Athanasius Kircherus Fuldensis; * 2. Mai 1602 in Geisa (Rhön) im Hochstift Fulda; † 27. November 1680 in Rom) war ein deutscher Jesuit und Universalgelehrter des 17. Jahrhunderts, der die meiste Zeit seines Lebens am Collegium Romanum in Rom lehrte und forschte. Kircher veröffentlichte eine große Zahl ausführlicher Monografien über ein weites Spektrum von Themen unter anderem der Ägyptologie, Geologie, Medizin, Mathematik und Musiktheorie. Mehr als 150 Jahre vor Jean-François Champollion versuchte er, ägyptische Hieroglyphen zu entziffern.

Friedrich Kittler bezeichnet Kircher als „eine Art wissenschaftliche Feuerwehr des Papstes: Mit Sonderaufträgen und Sondervollmachten war er immer zur Stelle, wenn wissenschaftliches Neuland zu betreten, aber auch im Namen der Kirche zu verteidigen war.“[1] Tatsächlich war Kircher seiner Zeit voraus, was insbesondere an seinem Einfluss auf die Akustik, Astronomie, Mechanik und Farbenlehre abzulesen ist. So vermutete er als einer der ersten den Einfluss von „kleinen Wesen“ auf die Verbreitung der Pest.

Kirchers Motto lautete In uno omnia (In Einem alles).

Athanasius Kircher
Pater Athanasius Kircher (vor 1664)

Leben

Kircher wurde am 2. Mai 1602 in Geisa, einer zum Hochstift Fulda gehörenden Stadt in der nördlichen Rhön, geboren. Von 1614 bis 1618 besuchte er das Jesuiten-Kollegium in Fulda. Am 2. Oktober 1618 trat er in Paderborn dem Jesuitenorden bei. An der Academia Theodoriana studierte er Philosophie und Theologie, musste aber 1622 auf abenteuerliche Weise nach Köln fliehen, um einrückenden protestantischen Truppen unter Herzog Christian von Braunschweig-Lüneburg zu entgehen.[2] Auf der Reise entging er knapp dem Tod, nachdem er bei der Überquerung des zugefrorenen Rheins ins Eis eingebrochen war. Später war er in Heiligenstadt als Lehrer tätig und unterrichtete Mathematik, Hebräisch und Syrisch. 1628 wurde er Priester und im selben Jahr Professor für Mathematik und Ethik an der Universität Würzburg. 1631 veröffentlichte er sein erstes Buch (Ars Magnesia). Im selben Jahr zwang ihn der Dreißigjährige Krieg, seine Arbeiten an der Päpstlichen Universität von Avignon in Frankreich fortzusetzen. 1633 berief ihn Ferdinand II., Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, zum Nachfolger Johannes Keplers als Mathematiker an den Habsburger Hof nach Wien. Diese Berufung wurde allerdings auf Betreiben von Nicolas-Claude Fabri de Peiresc widerrufen. Dieser sorgte stattdessen für eine Berufung nach Rom an das Collegium Romanum, da sein Freund Kircher dort mehr Zeit für seine Forschungen haben würde – unter anderem für die Arbeit an der Entzifferung der Hieroglyphen. 1637/1638 unternahm er eine Forschungsreise, die ihn nach Malta, nach Sizilien und auf die Liparischen Inseln mit Besteigung des Ätna und des Stromboli führte. Nachdem er das Erdbeben von Kalabrien miterlebt hatte, ging er in Neapel an Land, bestieg den Vesuv und seilte sich in den Krater ab. Von 1638 an lehrte Kircher Mathematik, Physik und orientalische Sprachen am Collegium Romanum (Gregoriana). 1645 wurde er von dieser Tätigkeit freigestellt, um sich seinen Forschungen widmen zu können. Er erforschte Krankheiten wie Malaria und die Pest und schuf eine bedeutende Sammlung von Antiquitäten, die er zusammen mit seinen eigenen Erfindungen im eigens dazu eingerichteten Museum Kircherianum ausstellte. 1661 entdeckte Kircher die Ruinen einer Kirche, die angeblich von Konstantin dem Großen an der Stelle errichtet wurde, an der sich eine Jesuserscheinung zugetragen haben soll. Er sammelte Geld für den Wiederaufbau dieser Kirche (in Guadagnolo östlich von Palestrina) und verfügte die Beisetzung seines Herzens an ebendiesem Ort. Das Kloster Santuário della Mentorella auf dem „Eustachiusberg“ beherbergt seit 1857 eine Niederlassung der polnischen „Resurrektionisten“ (Priester von der Auferstehung). Der Polyhistor Athanasius Kircher verstarb am 30. Oktober 1680 in Rom.

Werk

Kircher veröffentlichte eine große Anzahl grundlegender Werke mit einem sehr breiten Themenspektrum. Er beschäftigte sich mit Mathematik, Physik, Chemie, Geographie, Geologie, Astronomie, Biologie, Medizin, Musik, Sprachen, Philologie und Geschichte. Er verfolgte einen synkretistischen oder universalwissenschaftlichen Ansatz und legte keinen Wert auf die im Entstehen begriffene Ausbildung verschiedener Disziplinen, wie wir sie heute im Wissenschaftsbetrieb kennen. Typisch für seine Monographien ist, dass sie über das eigentliche Thema hinausgehen und verwandte Fragestellungen und Meta-Diskussionen einschließen. So behandelt sein Buch Magnes (1641), das sich vornehmlich mit Magnetismus beschäftigt, auch andere Formen der Anziehung wie Gravitation und Liebe (Zitat: „Alles ist durch geheime Knoten miteinander verbunden“). In der Ars magna lucis et umbrae von 1646 findet sich eine kaum zu überblickende Anzahl verschiedener Themen, zu denen die Botanik, Zoologie, Farbenlehre, Strahlungslehre, Lichtbrechung, Parabolspiegel, Astrologie, Medizin, Sonnenuhren, Stundenlinien und Astronomie gehören. Die theoretischen Erklärungen werden durch anschauliche Skizzen unterbrochen und erläutert.[3] Kirchers heute vielleicht bekanntestes Werk ist der Œdipus Ægyptiacus (1652), eine breite Studie zur Ägyptologie und zur vergleichenden Religionswissenschaft. Seine in Latein verfassten Werke fanden zu seiner Zeit weite Verbreitung und machten die Ergebnisse wissenschaftlicher Arbeit einem weiten Kreis von Lesern bekannt.

Ägyptologie

Athanasius Kircher Koptisches Alphabet
Das koptische Alphabet
(Auszug aus Prodromus coptus, 1636)

Kirchers Interesse an der Ägyptologie wurde geweckt, als er 1628 in der Bibliothek von Speyer auf eine Hieroglyphensammlung stieß. Vermittelt durch Nicolas-Claude Fabri de Peiresc kam er später in den Besitz mehrerer Manuskripte, die der Forschungsreisende Pietro della Valle aus Ägypten mitgebracht hatte; diese waren in Bohairisch, einem Dialekt der koptischen Sprache verfasst. Diese waren eigentlich für den Linguisten Thomas Obicini gedacht gewesen. Nach dessen Tod schien der berühmte Gelehrte Kircher der richtige Mann, sie zu bearbeiten. 1633 an das Collegium Romanum berufen, begann er mit der Arbeit, lernte Koptisch und veröffentlichte 1636 die erste Grammatik dieser Sprache (Prodromus coptus sive aegyptiacus).[4] In seinem Werk Lingua Aegyptiaca restituta von 1643 argumentiert er korrekt, dass Koptisch keine separate Sprache sei, sondern die letzte Ausbaustufe der antiken ägyptischen Sprache. Er erkannte auch die Beziehung zwischen hieratischen Schriftzeichen und den Hieroglyphen.[5]

In Œdipus Ægyptiacus (1652) argumentiert er, dass die antike ägyptische Sprache von Adam und Eva gesprochen wurde und dass Hermes Trismegistos und Moses ein und dieselbe Person gewesen seien. Die ägyptischen Hieroglyphen seien okkulte Symbole, die nicht wörtlich übersetzt, sondern nur allegorisch (sinnbildlich) ausgelegt werden könnten, da ihre wahren Gehalte dem Eingeweihten vorbehalten seien. Er nahm an der Aufstellung der Obelisken in Rom teil und ist für die Hinzufügung heute als sinnlos bzw. sinnentstellend erkannter Hieroglyphen an einigen derselben verantwortlich; vgl. sein Werk Obeliscus Pamphilius (1650) über den unter Kaiser Domitian errichteten Obelisco Agonale.[6] Im Jahre 1666 widmete er dem kurz vorher aufgefundenen und auf dem Rücken von Berninis Elefanten aufgestellten Obelisco della Minerva die Monographie Ad Alexandrum VII. Pont. Max. Obelisci Aegyptiaci nuper inter Isaei Romani rudera effossi interpretatio hieroglyphica.[7] Noch 1676 befasst er sich in seiner Sphinx Mystagoga[8] mit Mumienbergung und Entschlüsselung der Hieroglyphen.

Obwohl sein Ansatz zur Entzifferung altägyptischer Texte auf fundamentalen Fehlkonzepten beruhte, betrieb er doch bahnbrechende wissenschaftliche Forschungen auf diesem Gebiet. Kircher selbst glaubte an die Möglichkeit, dass die Hieroglyphen ein Alphabet bilden könnten, und setzte sie zum griechischen Alphabet in Beziehung. Seine Ergebnisse wurden später von Jean-François Champollion bei seinen erfolgreichen Bemühungen, diese altägyptische Sprache zu entziffern, verwendet.

Kircher beschäftigte sich auch mit Atlantis, das Platon zufolge auf eine Überlieferung aus Ägypten zurückgeht. Kircher glaubte, Atlantis im Atlantik lokalisieren zu können.

Sinologie

Kircherchinamap
Karte des Kaiserreichs China aus Kirchers China illustrata, 1667

Kircher entwickelte ein frühes Interesse an der chinesischen Kultur, schon 1629 übermittelte er seinem geistlichen Mentor, dass er Missionar in diesem Land werden wolle. Sein Werk China monumentis qua sacris qua profanis (…) illustrata („China, illustriert anhand seiner heiligen und weltlichen Denkmäler...“) war eine Enzyklopädie über das Kaiserreich China, welche akkurate Kartografie mit mystischen Elementen wie Drachen verband. Es betont die christlichen Elemente der chinesischen Geschichte, sowohl real als auch imaginär: Kircher erwähnt die frühe Anwesenheit von Nestorianern, aufgrund des sogenannten Sino-Syrischen Denkmals, der Nestorianischen Stele, die im Jahr 1625 in einer Villa der chinesischen Stadt Sianfu entdeckt worden war. Er betrachtete das Denkmal, welches auch in seinem Buch Prodromus Coptus (1636) behandelt wurde, als einen Beweis dafür, dass in China bereits eintausend Jahre zuvor (also um 600) ein Evangelium verkündet worden sei.

Er schrieb jedoch auch, dass die Chinesen Nachkommen von Ham seien und dass die chinesischen Schriftzeichen nach Asien abgewandelte Hieroglyphen seien, wie er bereits im Oedipus Aegyptiacus (1652–1654) angekündigt hatte. Zum Nachweis dieser These konstruierte Kircher unter Berufung auf biblische Erzählungen eine umfangreiche Kolonialisierungsgeschichte der Welt durch Noahs Familie. Nach der Sintflut sei Ham, Noahs zweiter Sohn, nach Persien gekommen, wo er eine Kolonie gegründet habe. Kircher identifizierte ihn als Zoroaster, den König von Baktrien, dessen Grenze bis Indien und an die Mongolei reichte. Das Nachbarland China sei die letzte Erde gewesen, die Ham zu kolonialisieren hatte. Damals hätte der erste chinesische Kaiser Fohi vom Kolonialherren Ham die Hieroglyphenschrift übernommen und sie zur chinesischen Schrift entwickelt, behauptete Kircher. Nach seiner Zeitrechnung geschah diese Übernahme 300 Jahre nach der Sintflut.

Trotz dieser Verwandtschaft standen in seinem System die Ideogramme unter den Hieroglyphen, weil sie sich auf spezifische Ideen bezogen, anstatt auf mysteriöse Ideenkomplexe. Die Zeichen der Maya und Azteken waren für ihn noch niedrigere Zeichen, weil sie sich auf einzelne Objekte bezogen.

Geologie

Athanasius Kircher Interior of the earth
Kirchers Modell des Erdinneren aus Mundus subterraneus (1678)

Auf einer Reise nach Süditalien 1638 stieg Kircher in den Krater des Vesuvs, um dann am Rande der Eruptionen das Innere des Vulkans zu erforschen. Er war auch angetan von dem unterirdischen Rumpeln, das er an der Meerenge von Messina vernahm. Seine geologischen und geographischen Forschungen gipfelten in seinem Werk Mundus subterraneus (1664), in dem er vermutete, dass die Gezeiten von Wassermassen verursacht würden, die sich zwischen den Weltmeeren und einem unterirdischen Ozean bewegen.

Kirchers Standpunkt zu Fossilien war nicht einheitlich. Er verstand, dass einige dieser Versteinerungen Überreste von Tieren waren, andere schrieb er aber dem menschlichen Erfindergeist oder spontanen regenerativen Kräften der Erde zu. Nicht alle Objekte, die er zu erklären versuchte, waren tatsächlich Fossilien – daher die Vielfalt seiner Ansätze.

Medizin

Kircherears
Illustration über das Gehör aus Musurgia universalis (1650)

Das einzige Werk Kirchers, das sich speziell mit medizinischen Fragen beschäftigt, ist seine 1658 veröffentlichte Schrift Scrutinium Physico-Medicum Contagiosæ Luis, quæ Pestis dicitur. Es geht zurück auf die Pestepidemie von 1656 in Neapel, bei der er, in Zusammenarbeit mit Ärzten, Kranke in Siechenhäusern untersuchte. Kircher geht in einem eigenen Kapitel auf die Ursache der Pest ein. Nachdem er, für einen geistlichen Autoren pflichtgemäß, ihre Begründung als „Geißel Gottes“ angeführt hat widmet er sich ausführlich natürlichen Ursachen. Neben der zeitgenössischen Miasma-Theorie erwähnt er, damals revolutionär, seine Vermutung, die Pest würde durch Ansteckung von Kranken auf Gesunde übertragen. Wie schon vor ihm der Arzt Girolamo Fracastoro nimmt er giftige „corpuscula“ als Ursache, die gleich Samen die Krankheit verbreiten. Seiner eigenen Ansicht nach sind diese „corpuscula“ belebte Organismen („Würmlein“). Zur Begründung gibt er unter anderem an, er habe die „animata effluvia“ in dem damals neu erfundenen Mikroskop in mehreren Versuchen selbst sehen können; er hatte ein einfaches Mikroskop etwa 1646 von seinem Gönner Kardinal Carlo di Ferdinando de’ Medici erhalten. Nach heutigen Abschätzungen gilt es allerdings als ausgeschlossen, dass Kircher den Pesterreger, vor Entdeckung der achromatischen Linsen, tatsächlich gesehen haben kann, Medizinhistoriker erklären die Beobachtungen als technische Artefakte. Dennoch gilt Kirchers Schrift, trotz der für den Autoren nicht unüblichen kritiklosen Übernahme tradierter Anschauungen neben der Anwendung moderner Methoden, heute als bedeutender Beitrag, da seine Autorität dazu beitrug, die letztlich richtige Erklärung der Pesterkrankung durchzusetzen und er auch den Einsatz von, damals noch von Einigen als ketzerisch verdammten, technischen Hilfsmitteln wie dem Mikroskop zu etablieren.[9]

Musik

In dem Werk Musurgia universalis (1650) mit zahlreichen Notenbeispielen aus der zeitgenössischen Musik[10] legt Kircher seine Ansichten zur Musik und zur Affektenlehre dar. Er glaubte, dass die Harmonie der Musik die Proportionen des Universums widerspiegelt. Besonders ausführlich wird der Orgelbau behandelt. Kircher beschreibt in diesem Buch Pläne von wasserkraftbetriebenen automatischen Orgeln, die Charakteristik des Vogelgesangs und den Aufbau musikalischer Instrumente. Eine Zeichnung zeigt die Unterschiede zwischen dem menschlichen Ohr und dem einiger Tierarten. Auch stellt er einen Algorithmus zur automatischen Komposition vor. Kircher behandelt ferner die Schallübertragung und Abhöranlagen.

Erfindungen und theoretische Leistungen

Kirchermagneticclock
Konstruktion einer magnetischen Uhr (1650)

Zu Kirchers Erfindungen gehört unter anderem ein Vorläufer der Laterna magica, das Smicroscopium parastaticum, welches er in seinem Buch Ars magna lucis et umbrae (1671) beschreibt. Dieses Gerät bestand aus einer Drehscheibe und einer optischen Betrachtungseinrichtung. Auf dieser Scheibe waren zahlreiche kleine Bilder angebracht, die man durch das Linsensystem dann vergrößert betrachten konnte. Dieses Gerät ist ein direkter Vorläufer des Phenakistiskops, das wiederum ein direkter Vorläufer des Filmprojektors ist.

Er konstruierte eine magnetische Uhr nach dem von ihm in seinem Werk Magnes vorgestellten Mechanismus.

Weiterhin erfand Kircher das Organum mathematicum, eine Art mathematischer Lernmaschine.

Andere von Kircher entworfene oder konstruierte Maschinen waren:

Nebenbei entwickelte er ein System der verschlüsselten Nachrichtenübertragung unter der Bezeichnung Stenographia („geheimes Schreiben mit Licht“) bzw. Cryptologia. Dieses System verwendete – im Gegensatz zur optischen Telegrafie der Antike – einen Hohlspiegel, der mit den zu übertragenden Schriftzeichen beschriftet wird. Mit diesem Verfahren konnten militärische Kommandos über eine Entfernung von rund dreieinhalb Kilometern „abhörsicher“ übermittelt werden.

Sonstiges

In der Polygraphia nova (1663) schlägt Kircher eine von ihm geschaffene, künstliche universelle Plansprache vor.[11]

Sein Schüler Caspar Schott, ein Würzburger Mathematiker, war sein engster Mitarbeiter.

Kircher beschäftigte sich zum Lebensabend auch mit der Sintflut und der Arche Noah (vor allem in technischer Hinsicht), wodurch das äußerst reich illustrierte Buch Arca Noë (erschienen in Amsterdam bei Jansson & Waesberge 1675) entstand. Einige Ausarbeitungen beziehen sich auf Studien des französischen Mathematikers Johannes Buteo, der 1554 eine den biblischen Angaben entsprechende Arche beschrieben hatte.

Kircher nahm gegenüber der in der Alchemie behaupteten Möglichkeit der Transmutation von Metallen eine kritische Haltung ein. Er schloss dies zwar nicht völlig aus, meinte aber, dass dies nur mit dunklen Mächten möglich sei oder durch teuflisches Blendwerk vorgetäuscht, was zu kritischen Auseinandersetzungen mit Anhängern dieser Richtung der Alchemie (von ihm Alchemia transmutatoria genannt) führten, darunter Ole Borch, John Webster (1610–1682), Gabriel Clauder und ein Autor mit dem Pseudonym von Blauenstein (abgedruckt in der Bibliotheca Chemica Curiosa). Davon unterschied er die Alchemia metallurgica (Bergbau, Metallurgie) und die Alchemia spagyrica (Pharmazeutisch-Medizinische Anwendungen), die er für nützlich hielt.[12] Bezüglich seiner Haltung zu Metallumwandlungen bezog er sich auf Aristoteles, der seiner Meinung nach Elementumwandlungen ausschloss.

In Ars Magna Lucis et Umbrae beschreibt Kircher im Kapitel Experimentum mirabile de imaginatione gallinae ein von ihm durchgeführtes Verhaltensexperiment an einem Hahn, der, nachdem ein Kreidestrich auf seinen Schnabel zu auf den Boden gezeichnet worden ist, einige Zeit unbeweglich verharrt. Kircher erklärt dies quasi-magisch dadurch, der Hahn glaube irrtümlich, er wäre durch den gezeichneten Strich gefesselt. Dieses Experiment ist als frühes Beispiel für Hypnose angeführt worden[13][14] (der Begriff selbst wurde erst später, durch James Braid geprägt). Heute wird Kirchers Resultat als Totstellreflex gedeutet[15], auch wenn einige Autoren das Phänomen als der Hypnose beim Menschen analog betrachten und von Tierhypnose sprechen.[16] Kirchers Arbeit wurde zu ihrer Zeit kaum rezipiert, die Beschäftigung mit Hypnose wurde erst später durch die Experimente von Franz Anton Mesmer in der Öffentlichkeit wahrgenommen.

Standpunkt

Kircher war und blieb während seines gesamten Lebens ein Mann der katholischen Kirche. Stets versuchte er, die Ergebnisse seiner Arbeit in Einklang mit der Lehrmeinung der Kirche zu bringen.

Tycho Brahe vs. Kepler

Entsprechend der offiziellen Lehrmeinung wandte er sich in seinem Werk Magnes (1641)[17] gegen das Kopernikanische Weltbild (vertreten durch Kepler) und unterstützte das Tychonische Modell, präsentierte aber in seinem späteren Werk Itinerarium extaticum (1656, revidiert 1671) mehrere alternativ mögliche Systeme, einschließlich des Kopernikanischen.[18]

Das Voynich-Manuskript

1665 erhielt der damals unrichtig als „Entzifferer der Hieroglyphen“ bekannte Kircher von seinem langjährigen Freund Johannes Marcus Marci das sogenannte Voynich-Manuskript in der Hoffnung, dass er es entschlüsseln könne. Das Manuskript blieb bis zur Annektierung des Kirchenstaates durch den italienischen König Viktor Emanuel II. im Jahre 1870 und der damit einhergehenden Säkularisation des Kirchenbesitzes mit Kirchers restlicher Korrespondenz im Archiv des Collegium Romanum.

Bedeutung und Nachwirken

Während eines Großteils der Zeit seines wissenschaftlichen Wirkens galt Kircher als einer der populärsten Gelehrten der damaligen Welt. Gemäß der amerikanischen Historikerin Paula Findlen war Kircher „der erste Gelehrte mit weltweiter Reputation“. Seine Bedeutung erreichte er mit einer Doppelstrategie: Seinen eigenen Forschungen und Experimenten fügte er die Informationen hinzu, die er aus seiner Korrespondenz mit über 760 anderen Wissenschaftlern, Physikern und vor allem seinen Jesuitenbrüdern aus aller Welt zusammentrug. Die Encyclopædia Britannica nennt Kircher eine „Ein-Mann-Clearingstelle für intellektuelle Themen“. Die nach seinen Anweisungen illustrierten Werke waren sehr populär. Er war der erste Wissenschaftler, der sich durch den Verkauf seiner Bücher vollständig selbst finanzieren konnte. Zum Ende seines Lebens begann sich der Cartesianismus durchzusetzen, und seine Popularität verebbte. René Descartes selbst nannte Kircher „mehr Quacksalber als Gelehrten“.

Aus heutiger Sicht erscheinen seine Werke als eine Mischung von Ergebnissen genuiner Forschung, durchdachten Beziehungsmanagements, zukunftsweisender Intuition, bloßer Spekulation und bewundernswerten Marketings.

Nach seinem Tod wurde Kirchers Werk bis ins späte 20. Jahrhundert weitgehend mit Nichtachtung gestraft. Von da an erfuhr es aber eine gewisse Renaissance. Man führt Kirchers Wiederentdeckung auf die Ähnlichkeiten seines eklektizistischen Ansatzes mit der Postmoderne zurück. Da ein Großteil von Kirchers wissenschaftlicher Arbeit heute nicht mehr aktuell ist und wenige seiner Werke übersetzt wurden, liegt das heutige Interesse mehr auf deren ästhetischer Qualität als auf dem eigentlichen Inhalt. Eine Reihe von Ausstellungen hat bereits die Schönheit von Kirchers Werken herausgestellt:

  • Chicago, 2000: The ecstatic journey: Athanasius Kircher in Baroque Rome, Ausstellung an der University of Chicago
  • Rom, 2001: Athanasius Kircher: Il Museo del Mondo, Exponate des ehemaligen Museum Kircherianum im Palazzo Venezia
  • Stanford, 2001: The great art of knowing: The baroque encyclopedia of Athanasius Kircher, Ausstellung an der Stanford-Universität
  • Wolfenbüttel, 2002: Athanasius Kircher und Herzog August der Jüngere von Braunschweig-Lüneburg, Ausstellung aus Anlass des 400. Geburtstages Kirchers

Kircher war Gegenstand von Romanen. Heimito von Doderer nimmt in seinem Roman Ein Umweg (Gespräch zwischen einer der Hauptfiguren des Romans, Manuel, und Pater Kircher) und in seiner Textsammlung Die Wiederkehr der Drachen Bezug auf Athanasius Kircher. Umberto Eco schrieb über Kircher sowohl in seinem Roman Die Insel des vorigen Tages als auch in seinen nichtfiktionalen Texten Die Suche nach der vollkommenen Sprache und Serendipities. Language and Lunacy. Daniel Kehlmann lässt in seinem Roman Tyll die Hauptfigur zweimal auf Kircher treffen, der mit seinem Hexenkommissar Oswald Tesimond einen Prozess gegen Tylls Vater führt, der mit dessen Hinrichtung endet. Ein weiterer Roman über Kircher stammt von Jean-Marie Blas de Roblés.[19]

Benennungen

Der Mondkrater Kircher ist nach ihm benannt.

Es gibt mehrere Straßen und Wege in Deutschland, die nach Kircher benannt sind. Darunter der Kircherweg in Paderborn und jeweils eine Athanasius-Kircher-Straße in Geisa, eine in Hünfeld, eine in Heilbad Heiligenstadt und eine in Würzburg. Einen weiteren Kircherweg gibt es zudem im österreichischen Matrei in Osttirol. In Fulda war eine Schule nach ihm benannt.

Werke

Latium
Latium, 1671

Kirchers Nachlass wird mit 44 gedruckten Bänden und 14 Briefschaften angegeben. Seine wichtigsten Werke (in chronologischer Reihung):

Kircher - Arithmologia sive De abditis numerorum mysterijs qua origo, antiquitas et fabrica numerorum exponitur, 1665 - 870894 A
Arithmologia
Musurgia

Musurgia universalis (1650)

Turris Babel-Why the Tower Could Not Reach the Moon

Turris Babel: Figurative Erklärung, weshalb der Turmbau zu Babel nicht den Mond erreichen konnte

Athanasius Kircher-Sphinx Mystagoga

Titelkupfer des Werkes Sphinx Mystagoga (1676)

Kircher-Diagram of the names of God

Diagramm über die Bezeichnungen Gottes in Oedipus Aegyptiacus

Schriften

  • Athanasius Kircher: Musurgia Universalis: Musical Experiments; Harmonies of the planets and their satellites. In: Joscelyn Godwin (Hrsg.): The Harmony of the Spheres. A sourcebook of the Pythagorean tradition in music. Inner Traditions International, Rochester (Vermont) 1993, ISBN 0-89281-265-6, S. 263–286.
  • Hans-Joachim Vollrath (Hrsg.): Kaspar Schott an Athanasius Kircher. Briefe 1650–1664. Königshausen & Neumann, Würzburg 2015, ISBN 978-3-8260-5732-8.

Literatur

  • Tina Asmussen, Lucas Burkart und Hole Rößler: Theatrum Kircherianum. Wissenskulturen und Bücherwelten im 17. Jahrhundert. Wiesbaden 2013 (online)
  • Tina Asmussen: Scientia Kircheriana. Die Fabrikation von Wissen bei Athanasius Kircher. Didymos, Affalterbach 2016, ISBN 978-3-939020-43-1.
  • Roberto Buonanno: The stars of Galilei and the universal knowledge of Athanasius Kircher, Astrophysics and Space Science Library 399, Springer 2014
  • Rainer Cadenbach: Einige apologetische Erwägungen zur musikgeschichtlichen Relevanz von Athanasius Kirchers Phantasien zur Musiktherapie. In: Markus Engelhardt, Michael Heinemann (Hrsg.): Ars magna musices — Athanasius Kircher und die Universalität der Musik. Vorträge des deutsch-italienischen Symposiums aus Anlass des 400. Geburtstages von Athanasius Kircher (1602–1680) (= Analecta musicologica. Band 38). Laaber 2007, S. 227–252.
  • Franz Daxecker: Der Jesuit Athanasius Kircher und sein Organum mathematicum. In: Gesnerus. 57, Basel 2000, ISSN 0016-9161, S. 77–83.
  • Gerhard Dünnhaupt: Athanasius Kircher S.J. (1602–1680). In: Personalbibliographien zu den Drucken des Barock. Band 3, Hiersemann, Stuttgart 1991, ISBN 3-7772-9105-6, S. 2326–2350. (Werk- und Literaturverzeichnis).
  • Gregor Eisenhauer: Scharlatane. In: Hans Magnus Enzensberger (Hrsg.): Die andere Bibliothek. Eichborn, Frankfurt am Main 1994, ISBN 3-8218-4112-5, S. 105–135.
  • Adolf ErmanKircher, Athanasius. In: Allgemeine Deutsche Biographie (ADB). Band 16, Duncker & Humblot, Leipzig 1882, S. 1–4.
  • Paula Findlen (Hrsg.): Athanasius Kircher. The last man who knew everything. Routledge, New York 2004, ISBN 0-415-94016-8.
  • Paula Findlen: Kircher, Athanasius, in New Dictionary of Scientific Biography, Band 4, 2008, S. 130–136.
  • Hans Kangro: Kircher, Athanasius. In: Charles Coulston Gillispie (Hrsg.): Dictionary of Scientific Biography. Band 7: Iamblichus – Karl Landsteiner. Charles Scribner’s Sons, New York 1973, S. 374–378.
  • John Fletcher: Athanasius Kircher und seine Beziehungen zum gelehrten Europa seiner Zeit. Harrassowitz, Wiesbaden 1988, ISBN 3-447-02842-4.
  • John Fletcher: A Study of the Life and Works of Athanasius Kircher, „Germanus Incredibilis“: With a Selection of his Unpublished Correspondence and an Annotated Translation of his Autobiography, Brill 2011
  • Totaro Giunia: L'autobiographie d'Athanasius Kircher. L'écriture d'un jésuite entre vérité et invention au seuil de l'œuvre. Introduction et traduction française et italienne. Lang, Bern 2009, ISBN 978-3-03911-793-2, S. 430.
  • John Glassie: Der letzte Mann, der alles wusste. Das Leben des exzentrischen Genies Athanasius Kircher. Berlin-Verlag, Berlin 2014, ISBN 978-3-8270-1173-2.[20]
  • Joscelyn Godwin: Athanasius Kircher. A Renaissance man and the quest for lost knowledge. Thames & Hudson, London 1979, ISBN 0-500-81022-2.
  • Joscelyn Godwin: Athanasius Kircher’s Theatre of the World. Thames & Hudson, London 2009.
  • Ignacio Gómez de Liaño: Athanasius Kircher. Itinerario del éxtasis o Las imágenes de un saber universal. Siruela, Madrid 1986, ISBN 84-85876-45-8.
  • Olaf Hein: Die Drucker und Verleger der Werke des Polyhistors Athanasius Kircher S.J. […]. Band 1: Allgemeiner Teil. Böhlau, Köln 1993, ISBN 3-412-08590-1.
  • Olaf Hein: Athanasius Kircher S.J. Äußere Lebensumstände – Geistiger Standort – Literarische Wirksamkeit. Olms, Hildesheim 2013, ISBN 978-3-487-14993-6.
  • Hans Kangro: Kircher, Athanasius, in Dictionary of Scientific Biography, Band 6, S. 374–378.
  • Alexander Klein: Eine Arche Noah der Dinge (über Kirchers Kunstkammer und Museum in Rom). In: Kultur und Technik. Das Magazin aus dem Deutschen Museum. Heft 3/2012, ISSN 0344-5690, S. 42–47.
  • Fritz KrafftKircher, Athanasius. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 11, Duncker & Humblot, Berlin 1977, ISBN 3-428-00192-3, S. 641–645 (Digitalisat).
  • Nathalie Lallemand-Buyssens: Les acquisitions d'Athanasius Kircher au musée du Collège Romain à la lumière de documents inédits. In: Storia dell'Arte. Nr. 133, Ott.-Dic. 2012, S. 107–129.
  • Thomas Leinkauf: Mundus combinatus. Studien zur Struktur der barocken Universalwissenschaft am Beispiel Athanasius Kirchers SJ (1602–1680). Akademie-Verlag, Berlin 1993, ISBN 3-05-002364-3.
  • Michael Mott: Athanasius Kircher und das Heiligtum Mentorella / Zur 400. Wiederkehr des Geburtstages des in Geisa geborenen Universalgelehrten. In: Buchenblätter. Fuldaer Zeitung, 75. Jahrg., Nr. 9, 22. Juni 2002, S. 33,34; Nr. 10, 2. Juli 2002, S. 37,38; Nr. 11, 6. Juli 2002, S. 43.
  • Hans-Josef Olszewsky: KIRCHER, Athanasius, SJ. In: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon (BBKL). Band 3, Bautz, Herzberg 1992, ISBN 3-88309-035-2, Sp. 1513–1517.
  • Simon Rebohm: Harmonikale Kosmologie: Johannes Kepler und Athanasius Kircher. In: W. R. Dick, H. W. Duerbeck, J. Hamel (Hrsg.): Beiträge zur Astronomiegeschichte. Band 11 (= Acta Historia Astronomiae. Band 43). H. Deutsch, Frankfurt am Main 2011, ISBN 978-3-8171-1883-0, S. 100–163.
  • Conor Reilly: Athanasius Kircher. A master of a hundred arts. 1602–1680. Studia Kircheriana. Edizioni del Mondo, Wiesbaden 1974.
  • Valerio Rivosecchi: Esotismo in Roma Barocca. Studi sul Padre Kircher. Bulzoni, Rom 1982.
  • Eckart Roloff: Athanasius Kircher (1602–1680): Der Phantast aus der Rhön macht Karriere in Rom. In: Eckart Roloff: Göttliche Geistesblitze. Pfarrer und Priester als Erfinder und Entdecker. Wiley-VCH-Verlag, Weinheim 2010, ISBN 978-3-527-32578-8, S. 115–136 (mit Hinweisen auf Erinnerungsstätten, Museen, Straßen u. ä.). (2. aktualisierte Ausgabe. 2012, ISBN 978-3-527-32864-2)
  • Ulf Scharlau: Athanasius Kircher (1601–1680) als Musikschriftsteller. Ein Beitrag zur Musikanschauung des Barock. Marburg 1969.
  • Edward W. Schmidt: The Last Renaissance Man: Athanasius Kircher, SJ, Company, The World of Jesuits and Their Friends (Memento vom 7. Februar 2003 im Internet Archive), Chciago 2001, ISSN 0886-1293
  • Harald Siebert: Die große kosmologische Kontroverse: Rekonstruktionsversuche anhand des Itinerarium exstaticum von Athanasius Kircher SJ (1602–1680). Steiner, Stuttgart 2006, ISBN 3-515-08731-1.
  • Harald Siebert: Flucht, Aufstieg und die Galilei-Affäre. Drei Jahre im Leben des Athanasius Kircher. Eine Mikrostorie (1631–1633). Norderstedt: BoD, 2008. ISBN 978-3-8370-6011-9.
  • Gregor K. Stasch (Hrsg.): Magie des Wissens. Athanasius Kircher (1602–1680). Jesuit und Universalgelehrter. Ausstellungskatalog des Vonderau-Museums Fulda. Imhof, Petersberg 2003, ISBN 3-935590-82-2.
  • Daniel Stolzenberg: Egyptian Oedipus: Athanasius Kircher and the Secrets of Antiquity, University of Chicago Press 2015
  • Jean-Pierre Thiollet: Je m’appelle Byblos. H & D, Paris 2005, ISBN 2-914266-04-9, S. 254.
  • Dieter Ullmann: Zur Frühgeschichte der Akustik: A. Kirchers „Phonurgia nova“. In: Wissensch. Zeitschrift der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Mathematisch-naturwissenschaftliche Reihe 27, 1978, S. 355–360.
  • Dieter Ullmann: Ein akustisches Experiment A. Kirchers und seine Geschichte. Zum 300. Todestag des Gelehrten. In: NTM-Schriftenr. Gesch. Naturwiss., Techn., Med. Leipzig 1980, Band 17, Heft 1, S. 61–68.
  • Dieter Ullmann: Athanasius Kircher und die Akustik der Zeit um 1650. In: NTM – Internationale Zeitschrift für Geschichte und Ethik der Naturwissenschaften, Technik und Medizin. Band 10, Nummer 2, Birkhäuser, Basel September 2002, S. 65–77, doi:10.1007/BF03033102.
  • Melanie Wald: „Sic ludit in orbe terrarum aeterna Dei sapientia“ – Harmonie als Utopie. Untersuchungen zur Musurgia universalis von Athanasius Kircher. Dissertation, Universität Zürich 2005.
  • Stefan Heid: Athanasius Kircher. In: Stefan Heid, Martin Dennert (Hrsg.): Personenlexikon zur Christlichen Archäologie. Forscher und Persönlichkeiten vom 16. bis zum 21. Jahrhundert. Band 2. Schnell & Steiner, Regensburg 2012, ISBN 978-3-7954-2620-0, S. 730–731.

Weblinks

Seiten in englischer Sprache

Werke im Internet

Einzelnachweise

  1. Friedrich Kittler: Optische Medien. Berliner Vorlesung 1999. Merve Verlag, Berlin 2002, ISBN 3-88396-183-3, S. 88.
  2. Vgl. Klaus Zacharias: P. Athanasius Kircher SJ (1602–1680). In: Vereinigung ehemaliger Schüler des Gymnasiums Theodorianum in Paderborn (Hrsg.): Jahresbericht 2010. Paderborn 2010, S. 84–85.
  3. Ralf Kern: Wissenschaftliche Instrumente in ihrer Zeit. Band 2, S. 266.
  4. Athanasius Kircher: Prodromus coptus sive aegyptiacus Ad Eminentiss S. R. E. Cardinalem Franciscum Barberinum. in quo cum linguae Coptae, sive Aegyptiacae, quondam Pharaonicae, origo, aetas, vicissitudo, inclinatio, tum hieroglyphicae literaturae instauratio uti per varia variarum eruditionum, interpretationumque difficillimarum specimina, ita noua quoque et insolita methodo exhibentur. Rom 1636. Online bei ECHO
  5. Horst Beinlich: Athanasius Kircher und die Kenntnis vom Alten Ägypten. In: Horst Beinlich und Christoph Daxelmüller (Hrsg.): Magie des Wissens: Athanasius Kircher, 1602–1680. Universalgelehrter, Sammler, Visionär. J.H.Röll Verlag, Dettelbach 2002. Katalog zur Ausstellung im Martin von Wagner Museum der Universität Würzburg, 1. Oktober – 14. Dezember 2002, ISBN 978-3-89754-211-2. S. 85–98.
  6. Athanasius Kircher: Obeliscus Pamphilius, hoc est interpretatio nova et hucusque intentata obelisci hieroglyphici Quem non ita pridem ex Veteri Hippodromo Antonini Caracallae Caesaris, in Agonale Forum transtulit, integritati restituit, & in Urbis Aeternae ornamentum erexit Innocentius X. Pont. Max. Online bei ECHO
  7. Athanasius Kircher: Ad Alexandrum VII. Pont. Max. Obelisci Aegyptiaci nuper inter Isaei Romani rudera effossi interpretatio hieroglyphica. Online bei ECHO
  8. Athanasius Kircher: Sphinx mystagoga, sive diatribe hieroglyphica de mumiis. Amsterdam 1676. Online bei ECHO (beigebunden zu Turris Babel)
  9. Gerhard F. Strasser (2005): Athanasius Kirchers Pestschrift von 1658 und seine Einstellung zur Lungenpest. Pneumologie 59 (3): 213-217. doi:10.1055/s-2004-830085, abgedruckt auch in Robert Kropp (Hrsg.): Pneumologie. Historisches Kaleidoskop – Überraschendes, Kurioses, Lehrreiches. Georg Thieme, Stuttgart und New York 2011, S. 193–198
  10. Tonbeispiel.
  11. Polygraphia nova von 1663 auf der Ausstellung aus Anlass des 400. Geburtstages Kirchers in der Bibliotheca Augusta 2002 (7. Oktober 2013)
  12. Claus Priesner: Kircher, Athanasius. In: Claus Priesner, Karin Figala: Alchemie. Lexikon einer hermetischen Wissenschaft. Beck 1998, S. 196ff.
  13. Dirk Revenstorf: Klinische Hypnose. Springer-Verlag, Berlin etc. 1990. ISBN 978-3-540-52074-0, auf Seite 8.
  14. Jan Bures, Olga Burešová, Joseph P. Huston: Techniques and Basic Experiments for the Study of Brain and Behavior. Elsevier, Amsterdam etc. 1976. ISBN 0-444-41502-5, auf Seite 258.
  15. Renard Korzcynski and Piotr Korda (1988): Immobility reflex evoked by vertical lifting of the rat. Acta Neurobiologiae Experimentalis 48: 145-159.
  16. W.R. Klemm: Neurophysiologic studies of the immobility reflex („animal hypnosis“). Neurosciences Research 4: 165-212. doi:10.1016/B978-0-12-512504-8.50011-1
  17. Siebert 2006, S. 102.
  18. auf Cusanus berufend war er sehr skeptisch ggü. der „Vermessung des Kosmos“; trug nichts Neues bei, aber seine Meinung war äußerst wichtig, (Siebert 2006) und (Rebohm 2011); seine präsentierten Modelle: World systems. Diagrams of the different world systems, Ptolemaic, Platonic, Egyptian, Copernican, Tychonic and semi-Tychonic from Iter Exstaticum (1671 ed.) p. 37@stanford.edu, oder Athanasius Kircher on the Celestial Spheres@starsandstones.wordpress.com (abgerufen 18. März 2014)
  19. Jean-Marie Blas de Roblés: Wo Tiger zu Hause sind (Roman über Kircher). Übersetzung aus dem Französischen von Hinrich Schmidt-Henkel. S. Fischer, Frankfurt am Main 2012, ISBN 978-3-10-009641-8.
  20. Jürgen Schickinger: Der Universalgelehrte Athanasius Kircher war ein Forscher und ein Flunkerer. In: Badische Zeitung. Literatur & Vorträge, 30. Januar 2015 (auf: badische-zeitung.de).
Caspar Schott

Caspar Schott (auch Gaspar Schott oder Kaspar Schott; * 5. Februar 1608 in Königshofen; † 22. Mai 1666 in Würzburg) war Jesuit, wissenschaftlicher Autor und Pädagoge der Barockzeit.

China illustrata

China illustrata ist ein Buch mit 237 Seiten, das von dem Jesuiten Athanasius Kircher 1667 in Amsterdam veröffentlicht wurde.

Christian Lange (Mediziner)

Christian Lange d. J. (* 9. Mai 1619 in Lucka bei Altenburg; † 14. März 1662 in Leipzig) war der Sohn des Leipziger Theologen Christian Lange d. Ä. und der Tochter des Pegauer Superintendenten Johann Feller, Katharina. Während seines Studiums in Wittenberg lernte er um das Jahr 1637 den Dresdner August Hauptmann kennen, dem er sein Leben lang freundschaftlich verbunden blieb. Nach Beendigung seiner medizinischen Studien an der Universität in Leipzig machte er eine größere wissenschaftliche Reise nach Italien, Frankreich, England und den Niederlanden, kehrte dann nach Leipzig zurück und erlangte hier 1644 die Doktorwürde. Bald nach seiner Promotion wurde er zum Professor der Physiologie, später der Anatomie und Chirurgie und zuletzt der Pathologie und praktischen Medizin ernannt. Zu seinen größten Verdiensten zählte die Herausgabe der Pestschrift des Universalgelehrten Athanasius Kircher.

1654 heiratete er Anna Maria Macasius, die Tochter des Zwickauer Arztes und Löwen-Apothekers Paul Macasius.

Er starb an einer Verletzung durch randalierende Soldaten der Garnison Leipzig.

Circulatio

Circulatio (lateinisch circulus, dim. von circus, „Kreis“, „Ring“), auch Kyklosis (altgriechisch κύκλος, „Kreis“, „Ring“) genannt, ist ein ursprünglich aus der Rhetorik stammender Begriff, der wie auch andere musikalische Figuren Eingang in die Begriffswelt der Musik des 17. und 18. Jahrhunderts fand.

Circulatio ist dabei eine kreisende Melodiebewegung, die zur Kennzeichnung von etwas Rundem wie zum Beispiel „Krone“, „Erde“ oder bei Wörtern wie circumdare („umgeben“) angewandt wird, um eine umzingelnde Bewegung auszudrücken. Abgesehen von dieser textverdeutlichenden Wirkung wird die Figur von manchen Autoren auch zu den „Manieren“ gezählt.Nach Athanasius Kircher ist circulatio „eine musikalische Periode, in der die Stimmen sich kreisartig zu bewegen scheinen.“

Bei Printz heißt es: "Beim circolo mezzo bilden 4 geschwinde Noten beim Schreiben einen Halbkreis, wobei auf- ober absteigend entweder die 1. und 3. oder die 2. und 4. Note dieselbe Stelle haben. Wenn der circolo mezzo aufsteigt ist es ein Intendens, wenn es absteigt ist es Remittens."(1696)

Bei Walther findet sich Folgendes: "Ein circolo wird aus 8 geschwinden Noten gebildet und entsteht dann, wenn 2 circoli mezzi aneinander gehängt werden und beim übereinandersetzen einen vollkommenen Kreis bilden"(1732)

Figur (Musik)

Eine Figur ist eine elementare, musikalische Wendung melodischer, harmonischer oder satztechnischer Art. Später entwickelt sich eine musikalische Figurenlehre von Ausdrucksmethoden.

Filippo Bonanni

Filippo Bonanni (* 7. Januar 1638 in Rom; † 30. März 1725 ebenda) war ein Jesuitenpater, Mikroskopbauer und Naturforscher. Bekannt wurde auch sein 1716 erstmals erschienener „Schaukasten der Musikinstrumente“ (Gabinetto armonico ...).

1698 wurde er Kurator der Kunst- und Antiquitäten-Sammlung von Athanasius Kircher im Jesuitenkolleg in Rom.

Harmonie universelle

Harmonie universelle (auch Harmonicorum libri) von 1636 ist eine musikwissenschaftliche Schrift von Marin Mersenne, in der die Musik in das universelle Ganze der Schöpfung eingeordnet wird. Ihr französischer Originaltitel lautet "Harmonie universelle, contenant la théorie et la pratique de la musique". Mersenne widmet sich neben der Abhandlung von theoretischen, naturwissenschaftlichen Aspekten der Musik auch praktischen Problemen, wie zum Beispiel Kompositionsregeln.

Im 17. Kapitel beschreibt er die Instrumente seiner Zeit und ordnet sie nach deren Spielart. Dabei geht er aber nicht auf jedes Instrument einzeln ein, sondern beschreibt für eine ganze Instrumentengruppe jeweils ein Instrument. Die Adressaten seiner Schrift waren nicht nur Wissenschaftler, sondern auch ein allgemein interessiertes Publikum. Besonders an der Harmonie universelle ist auch Mersennes Abhandlung über die Affektenlehre, wie schon bei Michael Praetorius im Syntagma musicum von 1619 und später bei Athanasius Kircher, Johann Mattheson und Friedrich Wilhelm Marpurg.

Heuristik

Heuristik (altgr. εὑρίσκω heurísko „ich finde“; von εὑρίσκειν heurískein ‚auffinden‘, ‚entdecken‘) bezeichnet die Kunst, mit begrenztem Wissen (unvollständigen Informationen) und wenig Zeit dennoch zu wahrscheinlichen Aussagen oder praktikablen Lösungen zu kommen. Es bezeichnet ein analytisches Vorgehen, bei dem mit begrenztem Wissen über ein System mit Hilfe mutmaßender Schlussfolgerungen Aussagen über das System getroffen werden. Die damit gefolgerten Aussagen weichen von der optimalen Lösung ab. Durch Vergleich mit einer optimalen Lösung kann die Güte der Heuristik bestimmt werden.

Bekannte Heuristiken sind zum Beispiel Versuch und Irrtum (trial and error), statistische Auswertung von Zufalls-Stichproben und das Ausschlussverfahren. Heuristische Verfahren basieren auf Erfahrungen; sie können auch auf „falschen“ Erfahrungen (z. B. verzerrte Wahrnehmung, Scheinkorrelation) basieren.

Hühnerhypnose

Mit der Hühnerhypnose kann ein Haushuhn hypnotisiert oder in Trance versetzt werden, indem man seinen Kopf an den Boden drückt und mit einem Stock oder Finger eine Linie entlang des Bodens zieht, die am Schnabel beginnt und sich direkt vor dem Huhn nach außen erstreckt. Wenn das Huhn auf diese Weise hypnotisiert wird, bleibt es zwischen 15 Sekunden und 30 Minuten unbeweglich und starrt weiterhin auf die Linie. Ethologen bezeichnen diesen Zustand als tonische Immobilität („Schreckstarre“), das heißt einen natürlichen Zustand der Halblähmung, in den einige Tiere eintreten, wenn sie mit einer Bedrohung konfrontiert werden. Dies ist wahrscheinlich ein Abwehrmechanismus, der den Tod vortäuschen soll, wenn auch eher unzureichend.Die erste bekannte schriftliche Erwähnung für diese Methode erfolgte 1646 in Mirabele Experimentum de Imaginatione Gallinae von Athanasius Kircher in Rom.

Katzenklavier

Ein Katzenklavier (auch Katzenorgel) war ein Musikinstrument, das von Athanasius Kircher erdacht worden sein soll. In der 1765 veröffentlichten Schrift Merkwürdige Beyträge zu dem Weltlauf der Gelehrten wird berichtet, dass der russische Zar Peter der Große den Wunsch gehabt haben soll, Kirchers Erfindung nachbauen zu lassen, obwohl Zweifel bestanden, ob das Instrument jemals hergestellt worden war. Das Experiment, den in einen Kasten eingesperrten Katzen wohlklingende Töne zu entlocken, misslang jedoch. Es war nicht realisierbar, dass die gepeinigten Tiere in einer bestimmten Tonhöhe miauten. Es soll nicht die einzige törichte Erfindung Kirchers gewesen sein. Zudem zeigen Illustrationen deutlich mehr Tasten als Katzen. An der Existenz dieser Instrumente wird gezweifelt.

Kircher (Mondkrater)

71.2

Kircher ist ein Einschlagkrater im äußersten Südwesten der Mondvorderseite, südlich des Kraters Bettinus und nordwestlich von Klaproth.

Der Kraterrand ist mäßig erodiert, das Innere weitgehend eben.

Der Krater wurde 1935 von der IAU nach dem deutschen Jesuiten und Universalgelehrten Athanasius Kircher offiziell benannt.

Klimax (Musik)

Die Klimax (griech.: „Treppe, Leiter, Stufe“) bedeutet in der Musik die Wiederholung einer Sinneinheit in gesteigerter Form. Oft dient sie der Amplifizierung von Textpassagen, ist auch ein sehr affektstarkes Stilmittel in der Instrumentalmusik.

Die genannte Steigerung sollte nach oben hin ausgeführt werden. Dabei ist es üblich, die Sinneinheit in einer Kadenz aufzulösen. Eine Klimax kann aber auch eine Anhäufung von Kadenzen sein, welche sich zunehmend steigern. Dabei wird in jedem Falle die gleiche rhythmische Struktur in der Melodie beibehalten.

Ob die Klimax nun tatsächlich als eine Steigerung gesehen werden soll, wurde von etlichen Theoretikern verschieden aufgefasst und teilweise mit rhetorisch-musikalischen Figuren wie gradatio oder auxesis gleichgesetzt. Die Theoretiker Joachim Burmeister, Thuringus und Johannes Nucius verstanden unter der Klimax mehr ein stufenweises Fortschreiten.

Bei Athanasius Kircher wird zum ersten Mal die Klimax als Steigerung angesehen und von späteren Theoretikern auch so behandelt.

Museum Kircherianum

Das Museum Kircherianum wurde im Jahre 1651 im Collegium Romanum in Rom eingerichtet. Es war eine typische barocke Wunderkammer und Vorläufer der späteren wissenschaftlichen Museen. Es trug den Namen des Universalgelehrten Athanasius Kircher. Dieser war nicht Stifter des Museums, sondern sein Treuhänder und Kurator. Den Grundstock des Museums bildete zum einen Kirchers persönliche Sammlung, die angeregt wurde durch eine Schenkung des Gelehrten Nicolas-Claude Fabri de Peiresc, zum anderen der Nachlass des 1650 verstorbenen römischen Senatssekretärs Alfonso Donnino, der dem Collegium eine umfangreiche Sammlung antiker Funde, Fossilien, von Kunstgegenständen und Kuriositäten vermachte.

Kircher richtete das Museum in einem Seitentrakt des Palazzo del Collegio Romano ein. Zum Museum gehörte neben den Objekten auch eine Bibliothek. Kircher vergrößerte die Sammlung kostbarer Raritäten durch Überlassungen anderer Gelehrter und seiner Jesuiten-Ordensbrüder (Missionare in China und Amerika) und das Beisteuern eigener Konstruktionen und Erfindungen.

Athanasius Kircher lebte in einer Zeit der Wunder-, Kunst- und Kuriositätenkammern. Sie waren unter Gelehrten wie Adligen weit verbreitet. Man wollte damit die Idee des Universums im Kleinen nachvollziehen und darin sich selbst erkennen (macrocosmos in microcosmo). Während viele Sammlungen auf das Zurschaustellen von Kuriositäten abzielten, dienten andere, wie die Athanasius Kirchers oder Ulisse Aldrovandis, wissenschaftlichen und experimentellen Zwecken. Die Objekte waren teils Forschungsmaterial, teils Forschungsergebnis bzw. zur Veranschaulichung gedacht. Das Museum Kircherianum gilt in dieser Zeit geradezu als Paradigma einer Sammlung. Ein Besuch im „Museum Kircherianum“ mit den Skeletten, Skulpturen, Gemälden und mechanischen Apparaten sowie den Führungen durch den Hausherrn waren für Intellektuelle bald unverzichtbarer Bestandteil eines Rombesuchs.

Das Museum wurde nach der Annektierung des Kirchenstaates durch das Königreich Italien 1870 säkularisiert und 1915 aufgelöst. 2001 veranstaltete das Zentralinstitut für Archivgüter in Rom im Palazzo Venezia die Ausstellung „Il museo del mondo“ (italienisch „Das Museum der Welt“). Mit Hilfe des von Kircher selbst verfassten gedruckten Katalogs gelang es, einen Großteil der in diversen römischen Museen verstreuten ursprünglichen Sammlung des „Museum Kircherianum“ kurzzeitig wieder gemeinsam auszustellen.

Oedipus Aegyptiacus

Oedipus Aegyptiacus ist das bedeutendste Werk Athanasius Kirchers über Ägyptologie.

Das drei Bände umfassende Buch, voller kunstvoller Illustrationen und Diagramme, wurde in den Jahren 1652 bis 1654 in Rom publiziert. Kircher behauptete, dass seine Quellen für Oedipus Aegyptiacus die chaldäische Astrologie, die hebräische Kabbalah, die griechische Mythologie, die pythagoräische Mathematik, die arabische Alchemie und die lateinische Philologie seien. Wie bereits Giovanni Pico della Mirandola und Marsilio Ficino vor ihm, suchte auch Kircher das Wissen vorchristlicher Kulturen der katholischen Welt zu begründen.

Das 3. Buch von Oedipus Aegyptiacus handelt ausschließlich von Kirchers Versuchen, die ägyptischen Hieroglyphen zu übersetzen. Die primäre Quelle für Kirchers Studium war die Mensa Isiaca, auch Tafel des Bembo genannt nach ihrer Erwerbung durch Kardinal Pietro Bembo kurz nach der Plünderung Roms im Jahre 1527. Die Tafel des Bembo besteht aus Bronze und Niello, misst 126 × 75 cm und zeigt verschiedene ägyptische Gottheiten. Im Zentrum der Tafel sitzt Isis, welcher „die polymorphe alles-beinhaltende Universale Idee“ innewohnt.

Kirchers Oedipus Aegyptiacus ist ein klassisches Beispiel für synkretische und eklektische Gelehrsamkeit in der späten Renaissance. Es ist repräsentativ für die barocke Extravaganz in den Vorstellungen der von der Hermetik beeinflussten Gelehrten vor der modernen Ära der Wissenschaft. Seine Interpretationen hieroglyphischer Texte sind tendenziell wortreich und unheilvoll.

Kircher war im 17. Jahrhundert respektiert für seine Studien über ägyptische Hieroglyphen; sein exakter Zeitgenosse Sir Thomas Browne (1605–1682) zollte ihm Anerkennung als Ägyptologe und für seine Studien der Hieroglyphen:

Tatsächlich blieb Kircher jedoch die Entschlüsselung der wahren Bedeutung der ägyptischen Hieroglyphen versagt, erst dem Franzosen Jean-François Champollion gelang schließlich die Enträtselung durch das Studium des Stein von Rosette in den Jahren 1822 bis 1824.

Pietro della Valle

Pietro della Valle (* 2. April 1586 in Rom; † 20. oder 21. April 1652 ebenda) war ein italienischer Forschungsreisender, Reiseschriftsteller und Komponist.

Pietro della Valle beschäftigte sich schon früh mit den Wissenschaften und der Dichtkunst. 1611 nahm er mit einer spanischen Flotte an einem Zuge gegen die Barbareskenstaaten teil. Nachdem er in Neapel feierlich das Pilgerkleid genommen hatte, schiffte er sich 1614 in Venedig zu einer Wallfahrt in den Orient ein. Die Reise führte ihn in die Türkei, nach Ägypten und Arabien, von da nach Jerusalem, durch Syrien und Persien bis nach Indien.

Er blieb mehr als elf Jahre in diesen Gegenden und lernte deren Sprachen, Einwohner und geographische Verhältnisse genau kennen. Sein Hauptwerk ist jedoch nicht frei von Naivität und einer gewissen Legendenbildung.

Erst 1626 erreichte er mit einem stattlichen orientalischen Gefolge wieder Rom, wo ihn Papst Urban VIII. zum Ehrenkammerherrn ernannte. Valle widmete sich nun wieder den wissenschaftlichen Studien und der Ausarbeitung seiner Reisebeschreibung, die unter dem Titel: Viaggi descritti in lettere familiari ecc. (Rom 1650, 1653, 3 Bände) erschien und bald auch ins Französische (Paris 1661–63, 4 Bände, Rouen 1745, 8 Bände) und ins Deutsche (Genf 1674) übersetzt wurde. Das Werk besteht aus 54 Briefen an einen Freund und zeugt von des Verfassers vielseitiger Gelehrsamkeit und scharfer Beobachtungsgabe, obschon es auch von Leichtgläubigkeit und der Neigung, Wunderdinge zu erzählen, nicht frei ist. Er war auch ein gründlicher Kenner der Musik und wirkte im Musikleben Roms als Anreger und Ratgeber. Nachdem Valle wegen eines im Zorn begangenen Mordes eine Zeit als Flüchtling in Neapel lebte, kehrte er mit päpstlicher Bewilligung nach Rom zurück, wo er am 20. oder 21. April 1652 starb. sein Grab befindet sich in Santa Maria in Aracoeli. Auf der Reise nach Persepolis fesselten ihn vor allem Inschriften, die er kopierte. Er beschreibt sie in seinem fünfzehnten Brief und veröffentlicht die Zeichen. Es war die erste Keilschrift, die Europa zu sehen bekam.

Sein koptisches Wörterbuch wurde von Athanasius Kircher herausgegeben.

Stenographia

Als Stenographia („geheimes Schreiben mit Licht“; auch bezeichnet als Cryptologia) bezeichnete Athanasius Kircher ein von ihm entwickeltes System der geheimen Nachrichtenübertragung. Dieses System verwendete – im Gegensatz zur optischen Telegrafie der Antike – einen Hohlspiegel, der mit den zu übertragenden Schriftzeichen beschriftet wird. Mit diesem Verfahren konnten militärische Kommandos über eine Entfernung von rund dreieinhalb Kilometern „abhörsicher“ übermittelt werden. Kircher beschrieb dieses Verfahren 1671 in seiner Ars magna lucis et umbrae.

Siehe auch: Telegrafie, Nachrichtentechnik, Kryptographie

Tarantella

Die Tarantella ist ein aus Süditalien stammender Volkstanz. Sie zeichnet sich durch eine schnelle Musik im 3/8- oder 6/8-Takt aus.

Der Volksmund leitet den Namen von „Tarantula“ oder „Lycosa Tarentula“, einer in Italien und im Mittelmeerraum anzutreffenden Spinne, ab, deren Name sich wiederum von der Stadt Tarent in Apulien ableitet. „Tarantella“ hieße dann im Ursprung „kleine Tarantula“. Der Biss der Tarantel ist schmerzhaft, aber nicht der Auslöser des Tarantismus. Dieser wird vielmehr mit dem Gift der Europäischen Schwarzen Witwe (Latrodectus tredecimguttatus) in Verbindung gebracht. Der wilde Tanz sollte dabei eine Therapie darstellen: Die Musiker kamen ins Haus des Patienten oder auf den Marktplatz und begannen zu spielen; der Gebissene tanzte bis zur völligen Erschöpfung, um das Gift aus dem Körper zu treiben.

Eine erste schriftliche Dokumentation des Tanzes geht auf Athanasius Kircher (1602–1680) zurück und findet sich beispielsweise 1674 auch bei Gaspar Sanz (LA Tarantela). Im 19. Jahrhundert, zur Zeit der Romantik, griff die Instrumentalmusik diese Musikform auf. Komponisten, die sich mit der Tarantella befassten, sind zum Beispiel Franz Schubert, Gioachino Rossini (La Danza), Fanny Hensel (Il Saltarello Romano), Franz Liszt, Sergei Rachmaninow, William Henry Squire, Alexander Borodin, Pjotr Tschaikowski, Frédéric Chopin und der US-amerikanische Komponist Louis Moreau Gottschalk („Grand Tarantelle for Piano & Orchestra“).

In der Operette „Eine Nacht in Venedig“ von Johann Strauss (Sohn) fordert Caramello, der venezianische Leibbarbier des Herzogs, in seinem Auftrittslied (Nr. 4) zum Tanz auf: „Eine neue Tarantelle zeig’ ich hier Euch auf der Stelle…“, wobei der Rhythmus der Tarantella noch an weiteren Stellen der Operette zu hören ist. Kurt Weill komponiert die Gerichtsszene seiner Oper Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny als Tarantella. Der zweite Satz von John Coriglianos erster Sinfonie (1990) trägt die Bezeichnung Tarantella, und Elliot Goldenthal verwendet in seinem Ballett Othello (1998) eine ebensolche von vierzehnminütiger Dauer, um die Entwicklung von Iagos Plan gegen Othello darzustellen. Franz Josef Degenhardt griff den Tanz sowohl inhaltlich als auch spieltechnisch im Jahre 1963 in seinem gleichnamigen Stück „Tarantella“ des Albums „Rumpelstilzchen“ auf. Heute bekannte Komponisten sind zum Beispiel Otello Profazio, Beppe Junior, I Calabruzi, Mino Reitano, Pino Di Modugno, Eugenio Bennato, Renzo Arbore, Enza Pagliara, Manekà, Nidi D'arac, Ariacorte, John Serry senior und Alla Bua.

Äolsharfe

Die Äolsharfe oder Aeolsharfe (auch Geister-, Wind- oder Wetterharfe genannt) ist ein Saiteninstrument, dessen Saiten durch Einwirkung eines Luftstroms zur Resonanz und somit zum Klingen gebracht werden. Ihr Name leitet sich von Aiolos, lateinisch Aeolus, dem Beherrscher der Winde in der griechischen Mythologie, her. Nach ihrer Bauart gehört die Äols- oder Windharfe fast immer zur Familie der Zitherinstrumente, nicht der Harfen.

Die Äolsharfe wird häufig als Sinnbild für den Poeten gesehen. Dieser Zusammenhang beruht auf dem Begriff des Afflatus.

Äolstöne

Unter den Äolstönen (auch Aeolstöne) werden diejenigen Töne verstanden, die bei Umströmung eines zylindrischen Körpers entstehen.

Sie wurden bereits von Athanasius Kircher im Jahr 1650 beschrieben und 1878 von Vincent Strouhal systematisch untersucht. Strouhal fand heraus, dass es eine Abhängigkeit zwischen der Tonhöhe (d. h. der Tonfrequenz ) und dem Zylinderdurchmesser sowie seiner Anströmungsgeschwindigkeit gibt:

.

Als Proportionalitätskonstante führte Strouhal die Konstante ein:

.

Die Proportionalitätskonstante wird Strouhal zu Ehren später Strouhal-Zahl genannt. Die Strouhal-Zahl ist, wie sich in späteren Untersuchungen herausstellt, nicht konstant, sondern von der Viskosität und der Dichte des Mediums abhängig, welches den Zylinder umströmt.

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